Die Vielfalt an Öko-Siegeln und Nachhaltigkeitszertifikaten erschlägt nicht nur die Endverbraucher. Auch Unternehmer benötigen fachliche Unterstützung für eine betriebliche Zertifizierung.

„Ein gewisser ­Geschäftssinn steckt doch ­irgendwie hinter jedem Zertifikat, auch wenn damit eine positive Sache verbunden ist.“

Das internationale Beratungsunternehmen It fits – Organic Textile Partner von Diplom-Ingenieurin Katharina Schaus unterstützt die Textil- und Bekleidungsbranche in der Entwicklung ökologischer Konzepte und entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Qualitäts- und Umweltmanagementsysteme.

Childhood Business: Was darf man sich ganz allgemein unter einem Standard vorstellen und was verbirgt sich hinter einer Drei-Parteien-Zertifizierung? 

Die Diplom-Ingenieurin Katharina Schaus gründete 2001 ihre Firma It fits. Sie studierte Bekleidungstechnik und spezialisierte sich auf Zertifi­zierungssysteme für ökologische Textilien.
Die Diplom-Ingenieurin Katharina Schaus gründete 2001 ihre Firma It fits. Sie studierte Bekleidungstechnik und spezialisierte sich auf Zertifi­zierungssysteme für ökologische Textilien.

Katharina Schaus: In einem Standard sind die Kriterien und Anforderungen definiert, die ein Produkt oder dessen Herstellungsprozesse zu erfüllen haben, um gemäß diesem Standard kennzeichnen oder bewerben zu dürfen. Ein Standard beruht im Gegensatz zu gesetzlichen Verordnungen in der Regel auf freiwilliger Basis. Durch einen Standard werden bestimmte Eigenschaften an ein Produkt festgelegt, die Qualitäts-, Umwelt- oder Sozialanforderungen betreffen.

Siegel oder Standards, die in einer Drei-Parteien-System aufgebaut sind, stehen für eine besonders hohe Glaubwürdigkeit. Hier werden die Entwicklung, die Überprüfung und die Nutzung des Standards strikt voneinander getrennt. Es stehen drei voneinander unabhängige Parteien hinter diesem Standard.

Die Zertifizierer müssen sich nach der sogenannten ISO 17025 akkreditieren lassen. Hiermit werden die Zertifizierer durch Behörden oder durch Akkreditierungsor­ganisationen regelmäßig auf deren Neutralität hin überprüft. Im Rahmen dieser Akkreditierung wird auch sichergestellt, dass die Zertifizierer nicht gleichzeitig beratend oder handelsfördernd tätig werden, sich nicht der Korruption schuldig machen und in der Lage sind, für einen angemessene Datensicherheit und Verschwiegenheit zu sorgen. Standards, die in einem Drei-Parteien-System aufgebaut sind, sind unter anderem der GOTS (Global Organic Textile Standard) oder auch der IVN BEST.

CB: Was decken die Nachhaltigkeitsstandards ab? Wie umfassend werden soziale und öko­logische Kriterien behandelt?

KS: Es gibt quasi keinen Standard, der gleichzeitig alle hochgesetzten Ansprüche an vielseitige Parameter wie zum Beispiel Produktionsökologie, Sozialverträglichkeit, Humanökologie, Recycling und Fairtrade gleichermaßen berücksichtigen könnte. Deshalb verfolgen die verschiedenen Standards unterschiedliche Ziele und Anforderungen, womit bestimmte Schwerpunkte gesetzt werden.

Ein Nachhaltigkeitsstandard ist bestrebt, so ganzheitlich wie nur möglich Anforderungen, sowohl an Sozialverträglichkeit als auch an Umwelt und Ökologie, zu setzen. Dabei darf aber die Umsetzbarkeit und die Überprüfbarkeit nicht außer Acht gelassen werden, denn ein Standard, der aufgrund zu utopischer Kriterien oder nicht eindeutig formulierter Kriterien nicht umsetzbar oder überprüfbar ist, kann auch nicht nachhaltig sein.

Die wenigsten Standards decken gleichzeitig soziale und ökologische Kriterien gleichgewichtig ab. Dem GOTS ist es gelungen, für beide Themen anspruchsvolle und trotzdem umsetzbare Kriterien zu formulieren. Beim GOTS liegt ein Schwerpunkt auf ökologischen Kriterien, dennoch sind auch hier umfassend die sozialen Anforderungen an wie unter anderem Kinderarbeit, Diskriminierung, Arbeitssicherheit in Anlehnung an die ILO-Kernnormen berücksichtigt. Beim Oeko-Tex 100 hingegen sind weder soziale noch ökologische Kriterien zugrunde gelegt, hier steht die Humanökologie im Vordergrund, also Schadstoffrückstände am fertigen Produkt.

Abgesehen vom jeweiligen Schwerpunkt, der in einem Standard gesetzt ist, können soziale und ökologische Aspekte durchaus sehr umfangreich sein. Manche Standards sind vor allem bezüglich der Sozialkriterien etwas oberflächlicher oder vernachlässigen diese sogar völlig. Es sei denn, es handelt sich gezielt um einen reinen Sozialstandard wie der Fair Wear Foundation. Hier sind die Sozialkriterien etwas anspruchsvoller. Der Nachteil der Fair Wear Foundation ist, dass sich dieser Standard ausschließlich auf Nähereien bezieht und der Rest der textilen Kette damit nicht berücksichtigt ist. Fairtrade hat den Schwerpunkt auf den Anbau gelegt. Durch diese unterschiedliche Fokussierung wird klar, dass doch jeder Standard mehr oder weniger seine Berechtigung hat. Nicht selten nutzen Unternehmen deshalb auch nicht nur einen Standard, sondern mehrere, je nachdem, was das Unternehmensziel ist. Dem GOTS ist bereits eine vorbildliche Harmonisierung von insgesamt acht ursprünglich separaten Standards gelungen.

CB: Welche Gütesiegel sind für Sie persönlich die stärksten und wo unterscheiden sie sich?

KS: Am anspruchsvollsten unter den betrachteten Parametern ist der IVN BEST vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft, direkt gefolgt vom GOTS. Beide setzen Anforderungen an die gesamte textile Kette, sowohl ökologische als auch soziale Kriterien. Beide Standards fordern die unabhängige Kontrolle und Zertifizierung eines jeden an der Wertschöpfung involvierten Unter­nehmens. Womit auch gleichzeitig für eine transparente Produktions­kette gesorgt wird, die bis hin zur korrekten Kennzeichnung der Produkte reicht. Hierdurch wird Greenwashing verhindert.

CB: Wieso sind viele Standards  hinsichtlich ökologischer Themen, die gern ausgeklammert werden, nicht so transparent? 

KS: Transparenz entsteht dadurch, dass ein Standard öffentlich zugänglich ist. Dann kann jeder nachlesen, was geregelt ist, und Rückschlüsse daraus ziehen, was eben nicht geregelt ist. Für den Label-Nutzer wäre es teilweise negativ, wenn der Standardgeber aktiv kommunizieren würde, was das Label gerade nicht kann. Inzwischen gibt es jedoch zahlreiche Label-Übersichten und Einordnungen von unabhängigen Institutionen wie zum Beispiel von Greenpeace, die die verschiedenen Label kategorisieren und verbraucherfreundlich aufbereiten. Wenn der Verbraucher möchte, kann er sich also entsprechend informieren.

CB: Kosten die unterschiedlichen Zertifizierungen gleich viel? Mit welchen Beträgen muss ein
Unternehmen rechnen, wenn es sich zertifizieren lassen möchte?

KS: Die Zertifizierungkosten für IVN BEST und GOTS sind weitgehend gleich. Eine GOTS-Zertifizierung kommt jährlich auf plus/minus 2.000 Euro je nach Prozessstufe und Region. Natürlich habe ich keine Informationen über die tatsächlichen Zertifizierungskosten zu den auf dem Markt verfügbaren Zertifizierungsprogrammen. Jedoch ist meine Vermutung, dass ein sogenanntes „Bluesign Screening“ sehr kostenintensiv ist, da hier die Prozesse über ein umfangreiches Screening optimiert werden. Durch eine Kosteneinsparung im Ressourcenverbrauch können sich die Zertifizierungskosten unter Umständen über einige Jahre wieder amortisieren. Von zertifizierten Betrieben habe ich gelegentlich gehört, dass eine Oeko-Tex 100-Zertifizierung im Vergleich zu einer GOTS-Zertifizierung um ein Vielfaches teuerer sei.cb10_2015-phrase-s-41

CB: Labels wie Oeko-Tex ver­geben einige Zertifikate, die aufeinander aufbauen? Ist das eine Notwendigkeit oder bloße Geschäftsabsicht?

KS: Ein gewisser Geschäftssinn steckt doch irgendwie hinter jedem Zertifikat, auch wenn damit eine positive Sache verbunden ist. Wird ein Standard stufen­weise aufgebaut, wie dies Oeko-Tex macht, wird versucht, allen Ansprüchen gerecht zu werden und den Firmen einen leichten Einstieg zu ermöglichen. Dabei lassen sich Stufen-Standards schwierig kommunizieren, da die Verbraucher die Unterschiede meist nicht klar vor Augen haben und nicht einschätzen können. Da kann dann natürlich sehr leicht der Eindruck entstehen, dass die Zertifizierer von jedem Stück Kuchen etwas abhaben möchten und nur deshalb die verschiedenen Stufen einer Zertifizierung entwickelt werden.Ich denke aber, dass manches Mal eher der Gedanke dahintersteht, die verschiedenen Anforderungen zu bedienen, und dann ist gegen einen modularen Aufbau nichts einzuwenden.

CB: Besteht aufgrund der Zertifizierungskosten die Gefahr, dass gerade kleine Modemarken, Textilhersteller und andere Dienstleister finanziell überfordert werden? 

KS: Zertifizierungen umfassen allerhand Aspekte, deren Überprüfung und Qualitätssicherung Geld kosten. Und so hat ein Zertifikat seinen Preis. Aber dennoch müssen auch kleinere Modemarken und Textilhersteller in der Lage sein, sich einer Zertifizierung anzuschließen. Das ist allein schon eine Frage der Glaubwürdigkeit. Vielfach sind kleinere Label sogar Treiber in dem Bereich der zertifizierten Mode. Kleineren Händlern, die GOTS-Waren fertig verpackt beziehen, kommt GOTS mit einer simplen Händlerregistrierung entgegen, die nur einen Bruchteil kostet, aber keine eigene Zertifizierung erfordert.

(ao)


Cover der Ausgabe, aus dem der Beitrag stammt. Der eben gelesene Beitrag
„Ein gewisser ­Geschäftssinn steckt doch ­irgendwie hinter jedem Zertifikat.“
erschien in der gedruckten Ausgabe 10 / 2015 von Childhood Business vom 01.10.2015 auf Seite 40

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