Seit 50 Jahren stellt Britax Römer Autositze, Kinderwagen und Kinderfahrradsitze her. Zum Jubiläum wird eine neue Fabrik­anlage am Standort Deutschland errichtet und weiter in die europäische Produktion investiert. Wie hoch die Sicherheit im Autositzbereich ist und wohin die Entwicklung geht, fragten wir Moritz Walther.

Die Kindersitztests der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Produkte der namhaften Hersteller im Bereich Sicherheit fast durchweg überzeugen können – zumal die Anforderungen der Testinstitute deutlich über den gesetzlichen Mindestanforderungen liegen. Doch immer wieder gelingen den Herstellern sinnvolle Veränderungen und Neuerungen.

Childhood Business: Herr Walther, welchen Stellenwert nimmt der Faktor Sicherheit bei Kindersitzen heutzutage noch ein?

Moritz Walther ist als Marketing-Direktor Europa bei Britax Römer für die Steuerung der gesamten Produktkommunikation zuständig. Das Haus kennt er bereits seit 2009 und bereitet aktuell auch die Kommunikation zum 50-jährigen Firmenjubiläum zum Ende des Jahres vor. Als Vater von zwei Töchtern (2 und 5) kennt Walther die Produkte des Hauses aus eigener Praxis.
Moritz Walther ist als Marketing-Direktor Europa bei Britax Römer für die Steuerung der gesamten Produktkommunikation zuständig. Das Haus kennt er bereits seit 2009 und bereitet aktuell auch die Kommunikation zum 50-jährigen Firmenjubiläum zum Ende des Jahres vor. Als Vater von zwei Töchtern (2 und 5) kennt Walther die Produkte des Hauses aus eigener Praxis.

Moritz Walther: Zumindest von den Premium-Herstellern kann man sagen, dass die alle sicher sind! Daher können sie sich über das Thema Sicherheit im Prinzip – innerhalb der Spitzengruppen an Herstellern – nicht mehr wesentlich differenzieren. Sicherheit hat sich inzwischen zu einem Hygienefaktor entwickelt. Zu dieser Grundanforderung gesellen sich heute andere Fragen wie die nach den chemischen Schadstoffen und auch nach einem modernen Design.

CB: Ihren Modellen wurden im aktuellen Test sämtlich sehr geringe Belastungen positiv bescheinigt. Wie stellen Sie sicher, dass bei Ihnen keine Schadstoffe auftreten?

MW: Bei uns kommen anders als bei manch anderen Herstellern über 90 Prozent der Autokindersitze aus Europa, entweder aus unserem Werk in Ulm oder aus dem im englischen Andover, westlich von London. Unsere Fahrradkindersitze stammen übrigens komplett aus Ulm. Aber wir gehen nun noch einen Schritt weiter. Anfang des Jahres haben wir unsere Kampagne „Inspired by Nature“ für unsere neue Kollektion gestartet, da wir nunmehr auch die Produktion und Verarbeitung der Bezugsstoffe der Autokindersitze von unserem bisherigen Lieferanten aus Asien nach Europa verlagert haben. Jetzt wird auch dieser Bestandteil am Produkt in Europa gefertigt, wo wir die Prozesse noch besser unter Kontrolle haben. Unsere „Fertigung in Europa“ oder vielfach gar in Deutschland ist auch für unsere Kunden ein wichtiges Kaufargument.

CB: Die guten Sitze sind also ziemlich sicher. Kann man bei der Entwicklung dennoch etwas Neues draufsetzen?

MW: Manchmal geht es um Details. Nehmen Sie zum Beispiel die Sitze der Gruppe 2/3. Hier sind wir Marktführer und für unsere Sicherheit bekannt. Trotzdem schauen wir, wie wir weitere Restrisiken verringern können. Wir haben uns gefragt: Was ist das größte Verletzungsrisiko für ältere Kinder? Und hier haben wir den Bauchbereich identifiziert, in dem knapp ein Drittel der Verletzungen zu beobachten sind. Hier setzt unsere in 2016 eingeführte neue „SecureGuard“ an, die dafür sorgt, dass der Gurt in der richtigen Position über den Bauchbereich geführt bleibt.

CB: Was muss sich der Leser darunter vorstellen?

MW: Im Prinzip ist es ein zusätzlicher Haltepunkt für den 3-Punkt-Gurt. Da sich Kinder im Autositz natürlich auch bewegen, kann der Gurt hochrutschen und so in eine den Bauchbereich gefährdende Lage geraten. Unser Haltepunkt sichert die richtige Gurtführung und reduziert damit im Unglücksfall das Verletzungsrisiko signifikant. Sicherlich klingt das nicht nach einer weltbewegenden Neuerung, aber dennoch sind für uns auch diese inkrementellen Verbesserungen Teil unseres Selbstverständnisses.

CB: Auf welchen weiteren Feldern bewegt sich die Entwicklung der Kindersitze weiter?

MW: Heutzutage spielen ganz neue Aspekte in die Produktentwicklung mit rein. Stark geht es um das Thema „Freiheit“, die wir auch in unsere Positionierung „Every Day Family Freedom“ aufgenommen haben. Die definiert sich zum Teil über die bessere Nutzung von Produkten, also im Umkehrschluss auch um die Verringerung von Fehlbedienungsmöglichkeiten. Ganz gleich bei welchem unserer Produkte geht es uns darum, dass die Bedienung ganz einfach ist. Auch so nimmt man Druck von den Schultern der Eltern.

CB: In unserem Sicherheits-Booklet aus der letzten Ausgabe fand sich die Zahl, dass rund 65 Prozent der Kindersitze nicht richtig gesichert sind. Das ist ja erscheckend. 

MW: In der Tat. Unser Unternehmen ist seit 50 Jahren im Kindersitzbereich tätig. Und vor 20 Jahren haben wir zusammen mit Volkswagen ISOFIX entwickelt. Auch da war der Treiber, von der komplizierten Gurtsicherung wegzukommen und über ISOFIX einen sicheren Einbau des Kindersitzes zu ermöglichen. Hier sind Hersteller wie Handel weiterhin gefordert, dem Endkunden die notwendige richtige Handhabung zu vermitteln. Daher schulen wir den Handel immer wieder und stellen zahlreiche Erklär- und Situationsvideos online bereit, die sich ganz besonders auch an den Endverbraucher richten.

CB: Wird sich nach ISOFIX und i-Size demnächst noch etwas an den Standards ändern?

MW: Der jüngere Autositzstandard ECE-R 129 ist in der ersten Phase für integrale ISOFIX-Kindersitze

Zusätzliche Sicherheit: Kinder sind immer in Bewegung. Daher gibt es bei Britax einen neuen Gurthalte­punkt, um das Verletzungsrisiko im Bauch­bereich weiter zu senken.
Zusätzliche Sicherheit: Kinder sind immer in Bewegung. Daher gibt es bei Britax einen neuen Gurthaltepunkt, um das Verletzungsrisiko im Bauchbereich weiter zu senken.

verabschiedet und zeigt sich in den Produkten. Aktuell geht es schon um die zweite Phase, die vermutlich im Januar 2017 in Kraft tritt. In dieser geht es um die Regelung für nicht-integrale Kindersitze, die den bisherigen Gewichtsklassen 2 und 3 entsprechen.

CB: Da wird die Beratung der Konsumenten durch den Fachhandel sicherlich wieder gefragt sein?

MW: Ja, sicherlich. Für uns hat der stationäre Einzelhandel generell eine hohe Bedeutung. Die Erstausstattung, also beispielsweise Babyschalen, wird noch immer verstärkt im stationären Fachhandel oder bei Multi-Channel-Anbietern gekauft, da hier die umfängliche Erstberatung gefragt ist. Erfahrene Eltern bestellen Sitze der Gruppe 2 oder 3 auch schon eher mal im Internet.

CB: Der halbjährliche Kindersitztest hat für die Verbraucher ja immer noch eine große Bedeutung. Wonach entscheidet sich eigentlich, welche Anbieter und Modelle getestet werden?

MW: Die Auswahl der Teilnehmer erfolgt durch die Testinstitute und ist für uns Hersteller nicht transparent oder von uns beeinflussbar. Meistens sollte sie aber die Relevanz der Marktteilnehmer beziehungsweise der Abverkäufe der Modelle widerspiegeln. Diese Unabhängigkeit bei der Auswahl sichert auch den Wert des Tests beim Endkunden ab.

CB: Herr Walther, vielen Dank für das Gespräch.