„Wir sind an einer hohen Austauschquote interessiert“

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Recaro hat sich Anfang 2017 neu aufgestellt. Mehr Markt- und Kundenorientierung ist das Ziel. Eine Testkritik kam unerwartet. Doch die Reaktion – Analyse, transparente Kommunikation und eine sicherheits­halber ausgerufene Rückruf­aktion – sind vorbildlich. 

Nicht immer nur vorwärts: Manchmal geht es auch einen Schritt zurück. Mit klaren Entscheiden und einer offenen Kommunikation gelingt die Wende schneller.

Childhood Business: Stiftung Warentest hat vor dem Autositz Optia gewarnt. Was ist passiert?

Ralf Kindermann: Wir wurden von der Stiftung Warentest darüber informiert, dass sich bei dynamischen Tests im Rahmen von Vergleichsversuchen der Sitz Optia von der Isofix-Basis getrennt hatte. Gerade weil für uns als Sitzspezialist neben Ergonomie vor allem die Sicherheit am wichtigsten ist, hat sich sofort ein internes Expertenteam intensiv mit der Ursachenanalyse beschäftigt. Wir haben Berechnungen sowie statische und dynamische Tests durchgeführt. In allen Testläufen ist das beschriebene Fehlerbild nicht aufgetreten.

CB: Wie kommt es, dass sich die Ursache nicht entdecken lässt, Ihr Haus aber die mögliche Gefahr als so groß einschätzt, dass Sie das Modell vom Markt nehmen?

RK: Aufgrund des Testergebnisses der Stiftung Warentest sind unsere Kunden verunsichert. Wir sehen es daher als unsere Pflicht, schnell und vollumfänglich zu reagieren. Aus Verantwortung gegenüber unseren Kunden haben wir uns daher dazu entschlossen, die Sitze freiwillig auszutauschen, ohne das Ergebnis unserer Analysen abzuwarten.

CB: Sie haben neben eigenen Tests im Ihrem Haus auch die Prüflabore des ADAC, Catarc und Tass eingeschaltet. Was hat Sie dazu bewogen? Und was umfassten die Tests, von denen Sie in einer Mitteilung schrieben, dass sie über die gesetzlichen Standards hinausreichten?

RK: Grundsätzlich nutzen wir bei der Entwicklung unserer Produkte unterschiedliche Testanlagen, um Einflüsse der verschiedenen Testaufbauten ausschließen zu können. Die Recaro-Kindersitze werden nach Euro-NCAP getestet, dem gängigen Standard für Sicherheit in der Automobilindus­trie. Die Anforderungen in Euro-NCAP-Crashtests liegen um rund 50 Prozent über denen der ECE-Norm, die auch unsere Produktkombination Optia und Isofix-Basis zweifelsfrei erfüllt. Bei unseren aktuellen Tests haben wir im Sinne der Ursachenforschung die Last nochmals deutlich erhöht, sodass letztlich sogar die im Fahrzeug verankerte Isofix-Anbindung gebrochen ist, ohne dass sich das Fehlerbild wiederholt hat.

Ralf Kindermann ist Vater zweier Kinder, seit Anfang 2017 CEO von Recaro Child Safety und stellt das Unternehmen derzeit neu auf. Viele Jahre lang war er in der Fahrradindustrie tätig, bevor er zuletzt von 2009 bis 2016 COO der Internetstores GmbH war.

CB: Wie viele Exemplare des Modells sind im Markt und wie hoch schätzen Sie die Kosten des Umtauschs? Mit welcher Umtauschquote rechnen Sie?

RK: Vom Kindersitz Recaro Optia wurden bisher rund 5.000 Sitze verkauft. Wir sind an einer hohen Austauschquote interessiert und haben die Austauschaktion entsprechend offensiv kommuniziert. Wie hoch die Quote und damit auch die Kosten sind, wird sich erst in einigen Monaten sagen lassen.

CB: Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um die betroffenen Besitzer aktiv anzusprechen? Welche Maßnahmen ergreifen Sie gegenüber dem Handel? 

RK: Wir stehen mit unseren Handelspartnern im engen Dialog, um den Austausch für Händler und Kunden reibungslos und unkompliziert zu gestalten. Über entsprechende Pressemitteilungen sowie Hinweise auf unserer Website www.recaro-cs.com und in den Social-Media-Kanälen haben wir die Öffentlichkeit umfassend informiert. Auch der Handel wurde aufgefordert, seine Kunden direkt auf die Austauschaktion hinzuweisen. Für Endverbraucher bieten wir auf der Seite safety.recaro-cs.com ein Online-Tool, das es ihnen in wenigen Schritten ermöglicht, sich für den Austausch zu registrieren, sollte ihr Produkt betroffen sein. Mit der direkten Abwicklung des Austauschs mit dem Kunden entlasten wir den Handel zusätzlich.

CB: Bitten Sie Online-Händler, die Ihre Kunden namentlich kennen, die Modellkäufer aktiv anzusprechen?

RK: Wir haben unsere Online- und Offline-Händler gleichermaßen über den Liefer- und Verkaufsstopp des Kindersitzes Recaro Optia informiert und sie darum gebeten, ihre Kunden über die Austauschaktion zu benachrichtigen.

CB: Welche Maßnahmen planen Sie, um das ja noch nicht reproduzierte Fehlverhalten in der künftigen Modellentwicklung auszuschließen?

RK: Wir analysieren diesen Fall weiter. Sollten daraus neue Erkenntnisse entstehen, werden wir entsprechende Maßnahmen ergreifen. Daneben intensivieren und optimieren wir unsere Prozesse kontinuierlich, vor allem im Bereich Qualitätssicherung über alle Standorte und Lieferpartner hinweg.

CB: Sie rufen das Sitzmodell, aber nicht die Isofix-Basis zurück, von der es sich im Test der Stiftung Warentest gelöst hatte. Mehr noch: Sie schreiben klar, dass andere Modelle mit der gleichen Basis nicht betroffen wären. Wie können Sie sich diesbezüglich sicher sein?

RK: Unsere Untersuchungen zeigen, dass bei der Verbindung der Babyschalen Guardia, Privia und Privia Evo mit den Basen SmartClick und Recaro fix nur etwa 50 Prozent der dynamischen Belastungen im Vergleich zum Kindersitz Optia auftreten. Die Reduktion der Kräfte ergibt sich nicht nur durch das geringere Gewicht, sondern auch durch eine deutlich niedrigere Schwerpunktlage im Vergleich zum Kindersitz Optia. Zudem werden die Babyschalen rückwärtsgerichtet auf der Basis montiert, was zu einer günstigeren Positionierung hinsichtlich der Aufnahme dynamischer Kräfte führt. Das spiegelt sich auch in Testergebnissen wider. Die Stiftung Warentest benotete die Babyschale Recaro Privia in Kombination mit der Recaro fix Basis mit der Note „sehr gut“ (1,3, s. Ausgabe 6/2014). Das war damit das beste Ergebnis, das die Warentester jemals für einen Kindersitz vergeben haben.

Ein Rückruf wie beim Modell Optia von Recaro ist misslich, zugleich aber auch Anlass, unentdeckte Schwachstellen in Nachfolgepro­dukten zu eliminieren.

CB: Parallel zum Optia-Rückruf haben Sie auch eine Umtauschaktion des Modells Zero.1 gestartet. Welches Problem ist hier aufgetreten?

RK: Wir haben im Zuge regelmäßiger Qualitätsprüfungen bei einer klar eingrenzbaren Produktionscharge des Kindersitzes Recaro Zero.1 eine Abweichung festgestellt, die dem hohen Qualitätsanspruch von Recaro Child Safety nicht entspricht. Es sind bis zu 400 Sitze möglicherweise betroffen.

CB: Sicherlich sind beide Vorkommnisse für Recaro als Unternehmen eine Belastungsprobe. Die Stiftung Warentest hatte bereits vor einem Jahr vor einem Recaro-
Produkt gewarnt. Wie reagiert Ihr Haus auf diese Gesamtlage?

RK: Für uns ist es wichtig, sich der Verantwortung zu stellen und im Sinne der Kunden professionell und konsequent zu reagieren. Die Tatsache, dass wir auch in der Vergangenheit proaktiv und kundenorientiert gehandelt haben, beweist, welchen hohen Anspruch Recaro an Qualität und Sicherheit stellt. Unabhängig davon hat sich Recaro Child Safety zu Jahresbeginn neu aufgestellt. Eine neu formierte Geschäftsleitung sowie erfahrene und kompetente Neuzugänge optimieren Prozesse und stärken die Markt- und Kunden­orientierung.

Cover der Ausgabe, aus dem der Beitrag stammt. „Wir sind an einer hohen Austauschquote interessiert“
erschien in der gedruckten Ausgabe von Childhood Business:
Ausgabe 09-10 / 2017 vom 14.09.2017 auf Seite 26
Hier geht es zu weiteren Beiträgen aus der Ausgabe.

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