Smarte Toys? Viele Hersteller beherrschen die Technik nicht

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Immer mehr smarte Toys im Kinderzimmer sind mit dem Internet vernetzt. Big Brother sitzt da leicht auch im Kinderbett.

Immer mehr smarte Toys im Kinderzimmer sind mit dem Internet vernetzt. Big Brother sitzt da leicht auch im Kinderbett.

Elektronische oder besser: Elektronisch aufgemotzte Spielwaren sind der Trend. Kaum einer anderen Sparte werden größere Zuwachsraten vorausgesagt als dieser. Doch nicht nur Stiftung Warentest warnt. Auch der Handel steht in der Verantwortung.

Im September 2017 warnte die Stiftung Warentest vor smarten Spielzeugen. Einen Testsieger gab es unter den sieben in Augenschein genommenen Produkten nicht. Im Gegenteil, vor allen wurde gewarnt. Die Urteile lauteten sämtlich „kritisch“ bis „sehr kritisch“. Getestet wurden exemplarisch ausgewählte sogenannte Smart Toys und die dazugehörigen Apps. Die Testkäufe fanden bereits im März 2017 statt und erfolgten bei Onlinehändlern. Die „Hello Barbie“ von Mattel stammte aus dem Februar 2016. Die Hinweise des Instituts erscheinen gleichsam wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn das Weihnachtsgeschäft lässt befürchten, dass zahlreiche weitere Produkte, die Anlass zur Kritik bieten, über die Ladentische wandern. Und was der Fachhändler, zufällig oder verantwortungsbewusst, aus dem Sortiment nimmt, findet heutzutage alternativ über zahllose Onlinestores seinen Weg zum Konsumenten.

Mehr als drei Milliarden Euro setzt der Spielwarenhandel in Deutschland um. Weiteres Wachstum versprechen weniger Holz oder Plüsch als vielmehr elektronische Spielwaren. Die Analysten von GlobalData (www.globaldata.com) gehen nach einer Meldung vom November 2017 sogar davon aus, dass das Spielwarensegment durch diese Gattung disruptiv verändert wird. Ein Wachstum von bis zu 28,5 Prozent sehen die Marktforscher über die kommenden fünf Jahre voraus. Die Umsätze werden mit den Jahren gar stärker steigen, weil dann die sogenannten Millennials Familien gründen und diese der modernen Technik bei Spielwaren noch aufgeschlossener sind. Fiona Paton, Handelsanalystin bei GlobalData, ist der Meinung: „Spielzeughersteller setzen immer mehr auf elektronische Spielwaren, um Kinder durch die Verschmelzung von physischen und digitalen Spielzeugen von den Tablets und Smartphones wegzulocken.“

Das Marktforschungsinstitut Gartner geht davon aus, dass die Zahl sogenannter „Connected Toys“, die mit dem Smartphone oder direkt mit dem Internet verbunden sind, von derzeit rund 18 Millionen Stück binnen drei Jahren auf rund 240 Millionen anwachsen könnte.

Smarte Toys klingen cool: Doch sind die Hersteller kompetent?

Bereits heute können Spielzeuge durch die Integration von Internettechnologie und künstlicher Intelligenz (KI) Erlebnisse weit über das Tuten, Hupen oder Blinken sowie das Abspulen vorprogrammierter Aufnahmen hinaus verschaffen. Allerdings lauern genau hier auch die Gefahren. Galt bisher die Kontrolle über die einem Baby nachempfundenen Bedürfnisse einer Puppe als ultimativ interaktives Spielerlebnis, droht das smarte Spielzeug künftig den Spieß umzudrehen. Verbraucherschützer vom Europäischen Verbraucherverband (BEUC) oder auch die norwegische Verbraucherschutzbehörde Forbrukerrådet warnen insbesondere vor mit dem Internet verbundenen Spielzeugen. Diese scheiterten regelmäßig in Sachen Sicherheit und Datenschutz. Im Februar 2017 wachte auch die Bundesnetzagentur auf und verbot die Puppe „My friend Cayla“. Zu dem Zeitpunkt was das Produkt allerdings schon drei Jahre auf dem Markt. Nun gilt die Behörde nicht als für die Spielzeug­industrie zuständig. Doch als sie die Puppe prüfte, entschied die Behörde, dass es sich um eine „unerlaubte funktionsfähige Sendeanlage“ handle. Die Puppe hat ein Mikrofon im Nacken und schneidet Gespräche mit, die sie über das Internet überträgt.

Experten gehen davon aus, dass es sich bei Cayla um eine nach dem § 90 des Telekommunikationsgesetzes verbotene Sendeanlage handle, die als „Gegenstand des täglichen Gebrauchs“ getarnt sei. Die Einführung und die Verbreitung sind ebenso verboten wie der Besitz. Hier sind also Händler wie Käufer gleichermaßen betroffen. Die Bundesnetzagentur hat dazu aufgefordert, das Produkt aus dem Verkehr zu ziehen oder gegen einen Vernichtungsnachweis zu zerstören. Einsichtig zeigte sich der Distributor Vivid nicht. Das Gerät würde das nichtöffentlich gesprochene Wort nicht unbemerkt abhören, wie es im Gesetz heiße, da die Halskette der Puppe leuchte, sobald sie sich mit dem Internet verbinde.

Inzwischen legte der Hersteller mit „i-Que“ ein weiteres Produkt nach, das ebenfalls schon unter der Beobachtung der Bundesnetzagentur steht. Neben der Abhörfunktion kritisieren die Stiftung Warentest und andere Verbraucherschutzorganisationen schwache oder gar fehlende Verschlüsselungen sowie den Umfang oder die Sachbezogenheit der übermittelten Daten. Mehrfach schon konnten die Spielzeuge oder die Server der Hersteller gehackt werden. Stern TV demonstrierte in einer Sendung, wie sich Dritte per Bluetooth in die Kommunikation einschalten konnten. Und die Eltern waren erstaunt, wie leicht gerade kleinere Kinder im vermeintlich vertraulichen Gespräch mit ihrer Puppe sensible Informationen preisgaben oder Anweisungen befolgten.

Viele Hersteller nutzen wie Scriptkiddies Lösungen von Zulieferern, um eine vermeintlich attraktive Interaktivität zu integrieren. Doch für eine ausreichende Sicherheit können selbst namhafte Hersteller nicht sorgen. Standards wären gefragt. Bis dahin gilt: Finger weg!

Cover der Ausgabe, aus dem der Beitrag stammt. Smarte Toys? Viele Hersteller beherrschen die Technik nicht
erschien in der gedruckten Ausgabe von Childhood Business:
Ausgabe 11-12 / 2017 vom 22.12.2017 auf Seite 88
Hier geht es zu weiteren Beiträgen aus der Ausgabe.
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