Gar nicht so einfach: Wer wie Maxi-Cosi einen Airbag im Autokindersitz bewerben muss, kann das Produkt in Aktion zeigen oder aber den damit einhergehenden Gedanken des besonderen Schutzes des Kindes andeuten.

Echte Innovationen sind eher selten im an Produkten reich gesegneten Markt der Baby- und Erstausstattung. Ein allen Eltern wohlbekannter, in den Autokindersitz integrierter Airbag gehört in jedem Fall dazu. Ein überraschend leiser Start. Hintergrund und
Stimmen aus dem Handel.

Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit hätte man dem Hause Dorel Juvenile ja gewünscht. Immerhin hat es im Oktober 2017 das bereits ein Jahr zuvor auf der Kind +Jugend im Rahmen der Innovation Awards vorgestellte und prompt ausgezeichnete Maxi-Cosi-Modell „Axiss­Fix Air“ in den Markt eingeführt. Abendnachrichten und alle großen Tageszeitungen hätten berichten können und auch die Fachmedien hätten Schwerpunkte bringen sollen. Doch acht Wochen nach dem Start ist der Handel zwar durch den Außendienst flächendeckend und gut versorgt. Allein die Öffentlichkeit hat von der Innova­tion im Bereich der Kindersitzsicherheit noch nicht so recht Notiz genommen. Wer Mitte Dezember bei Google News nach „Autokindersitz mit Airbag“ suchte, dem boten sich magere 98 Treffer. Erweiterte man die Suche auf „Alle“ waren auch nur 2.120 Treffer zu verzeichnen. Bei der News-Suche nach „AxissFix Air“ waren es ebenfalls gerade mal um die 1.530 Treffer. Und die meisten Medien, die berichtet hatten, stammten aus dem Automobilumfeld. Naheliegend, aber kaum zufriedenstellend.

Dabei gilt gemeinhin der Einsatz von Airbags als eines der größten Features zum Schutz vor Verletzungen bei Autounfällen. Auch das subjektive Sicherheitsempfinden vieler Verbraucher wird durch Airbag-Systeme gesteigert. Nun endlich hat Dorel Juvenile ein System konzipiert, das die Airbag-Technologie auch für die kleinsten Passagiere in einem Pkw verfügbar macht. Daran geforscht haben zahlreiche Gruppen, aber niemand hat zuvor ein markt-

reifes System präsentiert. Dabei hatten französische Mitarbeiter des Unternehmens und seines Kooperationspartners bereits am 5. Dezember 2014 die Wettbewerber im Rahmen der 12. Münchner Konferenz „Protection of Children in Cars“ in Kenntnis gesetzt, dass sie eine Lösung entwickelt hatten. François Renaudin von Dorel sowie Alexandre Quarrey vom Partner Helite präsentierten Entwicklungsergebnisse in dem Vortrag „Airbag integration in a CRS to improve child protection“.

Immer wieder Vorreiter

Das Haus Dorel und die Marke Maxi-Cosi haben bereits in wichtigen anderen Entwicklungen vorn gelegen. Maxi-Cosi rühmt sich damit, im Jahr 1984 als der erste Hersteller das Konzept des rückwärtsgerichteten Fahrens, also eines gegen die Fahrtrichtung installierten Kindersitzes, erfunden zu haben. 2013 war Maxi-Cosi der erste Anbieter, der den neuen i-Size-Standard umgesetzt hatte. Und nun also der erste Airbag in einem Autokindersitz. Vielleicht ließe sich korrigierend anmerken, dass der erste Prototyp für einen mit dem i-Size-Reglement endlich Standard gewordenen rückwärtsgerichteten Autokindersitz Bertil Aldman und dem Jahr 1964 zuzuschreiben sind, übrigens angeregt durch die zeitgeschichtliche Nähe zum Launch von Astronauten in den Weltraum. 1967 ging das Modell bei Klippan in Produktion und 1975 waren mit Hylte und Volvo insgesamt drei schwedische Hersteller Anbieter solcher Modelle.

Ungeachtet dessen ist Maxi-Cosi Vorreiter auf dem deutschen Markt gewesen und bei einem Airbag-System, zu dem im Kindersitzbereich bereits in den 1980er-Jahren erste Patente angemeldet wurden, hat es bis heute gedauert, das erste marktfähige Modell weltweit zu konzipieren. Die Idee dazu entstand laut Don van Montfort, Produktentwicklungsmanager Europa bei Maxi-Cosi, bei einem Schwatz mit einem Kollegen an der Kaffeemaschine. Dieser fragte: „Warum benutzen wir keine Airbags in unseren Kindersitzen? Immerhin die größte Erfindung der letzten 30 Jahre im Bereich Autosicherheit!“ In dem weiteren Entwicklungsprozess gaben Anwendungen anderer mobiler Airbag-Technologien wie Airbag-Jacken für Motorradfahrer und Airbag-Sicherheitsgurte für Ultra­leichtflugzeuge, die sich bei einer Kollision entfalten, die entscheidenden Inspirationen zum Einsatz auch bei Kindersitzen. Das neue System entwickelte Maxi-Cosi zusammen mit Helite, einem französischen Spezialisten für mobile Airbag-Technologien.

Ergebnis der mehrjährigen Forschung und Entwicklung ist ein an der Isofix-Verankerung ansetzendes Airbag-Auslösesystem, das im Falle eines Unfalls eine in der Rückseite des AxissFix-Sitzes eingebaute CO2-Patrone aktiviert. Das System erkennt nach Angaben des Herstellers binnen 0,015 Sekunden eine Kollision. In der Folge werden die beiden in den Schulterpolstern sitzenden Airbags mit kalter Luft gefüllt. Bereits eine Sekunde nach dem Aufprall entweicht die Luft automatisch und federt so den Kopf des Kleinkindes sanft ab. Maxi-Cosi gibt die Reduktion der bei einem Frontalaufprall auf Halswirbel und Kopf wirkenden Kräfte durch den Einsatz des Airbags mit bis zu 55 Prozent im Vergleich mit anderen Maxi-Cosi-Sitzen an.

Treiber von Innovationen

AxissFix Air von Maxi-Cosi Preis: 649,90 Euro (UVP) Das seit Oktober 2017 erhältliche Autokindersitz-Modell ist für Kinder von vier Monaten bis vier Jahre (61 bis 105 Zentimeter) beziehungsweise bis zu einem Gewicht von 19 Kilogramm geeignet. Der AxissFix Air kombiniert integrierte Airbags, i-Size-Konformität, einen um 360 Grad drehbaren Sitz für rückwärts- (bis ca. zwei Jahre oder 87 Zentimeter) und vorwärtsgerichtetes Fahren sowie eine lebenslange Garantie.

Der Schutz von Kindern durch die Entwicklung immer besserer Autokindersitze ist in den letzten zehn Jahren enorm gesteigert worden. Doch die Entwicklung ist keineswegs so selbstverständlich, wie man meinen mag. Für Michael Neumann, Managing Director von Northern Europe bei Dorel Juvenile, ist das in großen Teilen eine Errungenschaft der Innovationsführer in der Branche. „Autos werden in erste Linie für Erwachsene konzipiert. Während die Transportsicherheit von Erwachsenen in Autos über Jahrzehnte hinweg immer besser wurde, hängt die Sicherheit von Kindern im Auto weitestgehend von der Gesetzeslage für Kindersitze und von Experten ab.“ Er meint daher: „Künftige Innovationen müssen von der Industrie und damit aus unseren eigenen Reihen kommen.“ Damit liegt er auf einer Linie mit Charles de Kervénoaël, dem Präsidenten und CEO von Dorel Juvenile Europe. De Kervénoaël will auch künftig jährlich mehrere Millionen Euro in die Produktentwicklung investieren und weitere Innovationen durch eine aggressive Forschung und Entwicklung erzielen.

Jetzt liegt es am Markt

Das Produkt also ist da und steht dem Markt zur Verfügung. Sicher, rund 650 Euro für einen Autokindersitz sind ein stolzer Preis. Aber der sei dem ersten am Markt auch gegönnt. Viele Innovationen senken über die Zeit entlang einer Preisrutsche die Preise. Oben aber sind diese eben immer hoch. Und es gibt ja auch Kunden, die für die Sicherheit bereit sind, einen solchen Preis zu zahlen. Der Erstausstattungsmarkt hat in den letzten Jahren ohnehin ein Segment entwickelt, in dem hohe Preise durchaus ihre Zielgruppe haben. Und es gibt bereits heute ähnlich teure Produkte, die sich mehr über hübsche Stickereien für das Preisniveau empfehlen als durch eine äußerlich so unscheinbare Innovation wie einen Airbag für den Nachwuchs.

Dennoch ist es an dem Hause Dorel, das Produkt nun noch stärker zu pushen. Gespannt erwartet der Handel die unabhängigen Ergebnisse des nächsten ADAC-Tests. Aber spätestens danach sollte das Unternehmen die Öffentlichkeitsarbeit forcieren und auch die Fachöffentlichkeit stärker nutzen, um nach einem Satzsieg auch das Spiel zu gewinnen. Denn selbst eine Innovation will kommuniziert werden.

Im Handel nachgefragt: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem AxissFix Air bisher gemacht? 

Christoph Demmler
Geschäftsführender Gesellschafter, A&E Wirth

„Das Produkt hat einen enormen Innovationsgrad. Solche Produkte benötigen wir dringend, um uns von der Masse abzuheben. Es gibt genügend Kunden, die genau so etwas suchen. Seitdem wir mit dem Sirona von Cybex über 450 Euro erzielen, halten wir den Preis des AxissFix Air für angemessen. Allerdings ist die Bekanntheit noch nicht sehr hoch. Es liegt an uns, das Modell zu präsentieren. Gelegentlich fragt ein Kunde auch aktiv nach. Der Hersteller hat das Modell bisher nicht über das normale Maß hinaus beworben. Aber wir haben insgesamt eine gute, kooperative Zusammenarbeit mit Dorel. Daher wurden wir frühzeitig im Werk, auf der Kind + Jugend und natürlich bei uns vor Ort informiert.“

Tobias Gellhaus
Inhaber des Freudentaler Kinderladens

„Es handelt sich tatsächlich um eine der größten Innovationen. Aber bis es eine Bestätigung über den Mehrwert an Sicherheit durch die Stiftung Warentest gibt, sehe ich das Modell eher als Nischenprodukt. Aktuell bieten wir es zum Listenpreis an. Der Preis ist weniger das Problem, eher, dass der Sitz nur bis 87 Zentimeter rückwärtsgerichtet funktioniert und durch den Top-Tether nicht in jedem Fahrzeug verwendet werden kann. Für diese Einschränkungen ist dem Kunden der Preis zu hoch. Für das Modell, denke ich, kann man einen Preis von 499 bis 549 Euro realisieren. Werbemaßnahmen sind mir leider keine aufgefallen, nicht einmal auf Dorels eigener Facebook-Seite.“

Thomas Obrist
Inhaber von Obrist’s Baby-Rose 

„Die meisten Infos haben wir auf der Messe in Köln vor zwei Jahren erhalten, als der Sitz noch ein Projekt war. Für uns als Fachhandel ist es ein wichtiges Produkt, das wir für 840 CHF verkaufen. Von Dorel haben wir wenig bis gar keine Unterstützung erfahren. Auch Fachanzeigen oder Werbung habe ich nicht wahrgenommen.“

Heinz Olschimke
Geschäftsführer vom Babymarkt Frechen

„Mit der Airbag-Technologie bietet der Sitz eine echte, ja einzigartige Innovation, die wir aktuell für 599,99 Euro verkaufen. Wir nutzen Handmuster des Airbag-Kissens zur Veranschaulichung, aber auch ein Video. Das Wissen, dass Airbags auch für Kindersitze geeignet sein können, ist bei Weitem nicht flächendeckend verbreitet.“

Dieter Höhn
Category Management Baby, EK/servicegroup

„Das Produkt ist relativ neu auf dem Markt und muss seine Käufergruppe erst noch finden. Hilfreich sind hier ganz sicher unabhängige Praxistests.“

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