Interview mit Veja-Gründer Sebastién Kopp: Und es geht doch!

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Auseinandergenommen und neu zusammengesetzt: Um Sneaker nachhaltig und fair zu produzieren, ist Sebastién Kopp mit seinem Geschäftspartner 2004 einfach nach Brasilien gereist. Hier finden sie bis heute alles, was für einen guten Schuh nötig ist.

Veja gilt als ein zugleich nachhaltiges wie modisches Sneaker-Label. Seit 2008 bietet das Haus Modelle für Kids. Dass die Produktion in Brasilien erfolgt, hat für Sebastién Kopp viele Gründe. 

Nachhaltigkeit hat für viele Eltern beim Thema Kinderschuh einen großen Stellenwert. Während das Angebot an ökologischen Modellen unter Lauflernern, Halbschuhen und Sandalen recht groß ist, stellen Sneaker-Hersteller Aspekte wie Sportlichkeit, Prominenz und exklusive Kollaborationen in den Vordergrund. Damit verweigert sich mit Ausnahme von gelegentlichen Recycling-Editionen gerade jener Teil der Schuhindustrie, der mithin die größten Umsätze und Gewinne auf sich vereinnahmt. Sneaker werden vielfach in Billiglohnländern gefertigt und zu äußerst günstigen Konditionen massenhaft hergestellt, um sie durch Marketingmaßnahmen aufgeladen mit großen Preisaufschlägen zu veräußern. Fast hat man den Eindruck, dass man von einem Sneaker-Produzenten nicht verlangen könne, viel mehr auf Nachhaltigkeit, gesunde Materialien und faire Arbeitsbedingungen zu setzen. Sicherlich: Die Globalisierungskritik der 1990er-Jahre hat mit ihrem Sturm gegen die Sneaker-Industrie zu einem Umdenken geführt. Die großen Konzerne wie Adidas oder Nike lassen sich heute mehr denn je in die Produktionsbedingungen schauen und veröffentlichen gar komplette Listen oder „Manufacturing Maps“ ihrer Produktionspartner mit zahlreichen Angaben bis hin zur Telefonnummer und Anzahl der Mitarbeiter. Und die Konzerne betreiben einen kaum endenden Reigen von Inspektionen. Kritiker wie David Hachfeld, Experte für die Schuhbranche bei Public Eye, glauben, dass die Bedingungen in der Sneaker-Industrie problematisch bleiben, solange die Gewinnoptimierung in die DNA der Branche eingeschrieben ist. 

Mit „Veja Small“ gibt es für Kinder 40 Fits pro Saison gegenüber etwa 120 bei den Erwachsenen. Die Preise liegen durchschnittlich bei 60 bis 70 Euro, während Lederstiefel zur Wintersaison bis zu 90 Euro kosten.
Auf das Kindersegment entfallen rund 15 Prozent das Absatzes nach Schuhpaaren. In Deutschland werden Kinder-Sneaker derzeit erst von 22 Händlern angeboten. Weltweit gibt es rund 2.000 Verkaufspunkte. Hauptmärkte sind die Vereinigten Staaten, Frankreich, England, Belgien und Deutschland, wobei Deutschland erst dabei ist, sich zu entwickeln.

Doch das es auch anders geht, zeigt das französisch-brasilianische Label Veja. Seit 2004 dechiffrieren Gründer Sebastién Kopp und François Morillion immer wieder neu die Komponenten eines Sneakers und setzen auf eine Produktionskette, die bereits beim Baumwollsamen für das Canvas-Material eines entsprechenden Sneaker-Modells ansetzen und selbst in der Logistik auf Partner aus dem NGO-Bereich setzen. Vieles gelingt gut, auch wenn es manchmal Rückschläge gibt, wie Kopp in einem Gespräch mit Childhood Business in Berlin im Juli 2018 offen zugab. Umso mehr setzt er auf Collabs, um Projekte und neue Ansätze zu vernetzen. Herauskommen neue Materialien und nachhaltige Produkte. 


Childhood Business: Veja ist eine Marke, die über eine ganz besondere Gründungsgeschichte verfügt. Wie fing es denn an?

Sebastién Kopp: Als ich zusammen mit François Morillion 2004 zu zweit gestartet sind, war Veja zunächst eher ein Abenteuer als eine Unternehmung. Wir waren gerade einmal 25 Jahre alt und hatten weder von der Schuhbranche im Speziellen noch von der Modeindustrie im Allgemeinen den Hauch einer Ahnung. Und noch heute, 14 Jahre später, sind wir ein kleines Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitern, wachsen aber kontinuierlich. In der ersten Saison hatten wir gerade einmal knapp 5.000 Paar Schuhe angesetzt. Heute liegen wir bei etwa 800.000 Paaren pro Saison. 

CB: Sie wollten aber nicht einfach nur eine weitere Sneaker-Marke starten.

Das Gummi für die Sohlen der Schuhe stammt aus den Wäldern des Amazonas und wird dort auf traditionelle Weise gewonnen und in einer nahegelegenen Fabrik weiterverarbeitet.

SK: In der Tat. Wir wollen Sneaker anders produzieren: umweltverträglicher, fairer und nachhaltig. Wir wollten die herkömmliche Produktionskette neu zusammensetzen und die dabei oft unterschätzte Umweltverschmutzung reduzieren und sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltige Schuhe produzieren. Dazu haben wir einen herkömmlichen Canvas-Sneaker in seine Bestandteile zerlegt und uns daran gemacht, für die wesentlichen Komponenten eines solchen Schuhs nachhaltige Alternativen zu suchen. Und so ging es los. Canvas wird aus Baumwolle hergestellt. Baumwolle wird auf rund zwei Prozent der Kulturflächen auf der Erde produziert, sorgt aber überproportional für rund 30 Prozent der Verschmutzung durch Pestizide. Der traditionelle Baumwollanbau beansprucht dabei nicht nur den Erdboden, sondern auch die Gesundheit der Baumwollfarmer. Wir sind dazu nach Brasilien gereist und haben uns mit Produzenten, Arbeitern und deren Familien unterhalten. Für unsere Produktionskette haben wir uns Brasilien ausgesucht, da dort alle Materialien, die wir für die Produktion von Sneakern benötigen, verfügbar sind. Das ist auch logistisch sehr viel sinnvoller und sollte bei einem ganzheitlichen Ansatz nicht außer Acht gelassen werden. 

CB: Wie ging es nach der noch recht allgemeinen Analyse konkret weiter? 

SK: Von Beginn an und bis heute arbeiten wird mit kleinen, familiär geführten Baumwollfarmern zusammen, die nicht nur ökologisch produzieren, sondern auch nach traditionellen Anbaumethoden wirtschaften, um die Felder nicht zu erschöpfen. Das bedeutet, dass durch den Wechsel der Fruchtfolge auf einem Feld zwischen Baumwolle, Bohnen, Mais und anderen Ernten die Erde nicht einseitig beansprucht und ausgelaugt wird. Das Konzept dafür stammt aus den 1970ern und ist im Ansatz sehr einfach: Wenn die Böden geschickt kultiviert werden, kann man den Boden anreichern statt ihn auszunehmen. Das funktioniert durch verschiedene, mitein­ander kombinierte Prinzipien wie den Verzicht auf schweren Maschinen oder den Anbau von diversen Sorten, die miteinander vereinbar sind.

CB: Können Sie sicher sein, dass Ihre Produkte auch wirklich aus Organic Cotton sind?

Arbeiter in den Fabriken, in welchen die Sneaker produziert werden, werden für brasilianische Verhätlnisse überdurchschnittlich bezahlt und profitieren auch sonst vom sozialen Engagement des Unternehmens.

SK: Ehrlich gesagt, kann man sich da wohl nie ganz sicher sein. Aber: Wir liefern den von unseren Partnern produzierten Organic Cotton an unsere Baumwollspinnereien. Ob die Garne, die wir dann als Organic-Cotton-Garne verwenden lassen, tatsächlich wie wir hoffen aus unserer eigenen Baumwollproduktion stammen, können wir dem Faden natürlich nicht ansehen. Doch so oder so, eines ist sicher: Wir machen mit Veja auf jeden Fall einen Unterschied gegenüber den meisten herkömmlichen Marken, die bereits fertige Stoffe kaufen statt wie wir bereits bei den Rohmaterialien einzugreifen. Und so oder so haben wir durch unsere Anstrengungen mehr organische Baumwolle zur Verwendung gebracht, ganz gleich, in welchem Garn sie landet. 

CB: Wie stellen Sie dabei gute Arbeitsbedingungen sicher?

Der gesamte Produktionsprozess der Sneaker ist in Brasilien angesiedelt. Dadurch spart das Unternehmen Zeit, Geld und durch kürzere Transportwege Ressourcen.

SK: Wir bezahlen unsere Bauern weit über dem üblichen Durchschnitt. Ganz am Anfang lagen wir bei etwa 60 Prozent höheren Preisen. Heute zahlen wir sogar fast 80 bis 90 Prozent über dem Mittelwert. Denn für uns handelt es sich um eine auf Dauer angelegte Partnerschaft. Wir zahlen auch 40 Prozent der für die nächste Saison erwarteten Ernte an, damit die Bauern eine Art Versicherung haben, falls die Ernte mal umweltbedingt schlechter ausfallen sollte. Ich habe bisher keinen anderen Hersteller getroffen, der das genauso handhabt wie wir. Ich denke, dass macht uns und unser Produkt Veja einzigartig. 

CB: Neben Baumwolle ist auch das Gummi ein wesentlicher Bestandteil bei der Sneaker-Produktion.

SK: Alle unsere Materialien werden von uns handverlesen eingekauft, damit wir die bestmöglichen Produkte fertigen können. Das Gummi für die Sohlen beziehen wir direkt aus dem Amazonas-Gebiet, wo wir es von einer dort tätigen Organisation beziehen. Die Vorprodukte, die wir direkt einkaufen, liefern wir an unseren Fabrikpartner im Süden Brasiliens und überlassen diese zur weiteren Verarbeitung mit einem Aufschlag von nur einem Prozent, der allerdings gesetzlich bedingt notwendig ist.

CB: Und in welcher Weise arbeiten Sie sozial-nachhaltig?

Im Einklang mit der Natur: Veja kümmert sich vom Samen an darum, dass seine Produkte nachhaltig produziert und ökologisch unbedenklich sind.

SK: Das können Sie schon bei einem Besuch unserer Fabrik erkennen. Wir laden interessierte Partner und Händler ein, unsere Fabrik in Brasilien zu besuchen. Wir hören von jenen, die den Weg auf sich genommen haben, dass sie die Bedingungen für mindestens gleichwertig, wenn nicht sogar besser als in europäischen Fabriken halten. Auch aus Deutschland war schon ein im Bereich der Nachhaltigkeit besonders engagierter Händler vor Ort. Unsere Distribution haben wir ebenfalls anders als viele große Unternehmen angelegt. Statt mit einem klassischen Logistikunternehmen arbeiten wir mit der französischen NGO Ateliers Sans Frontières zusammen, die Menschen, die aus verschiedenen Gründen aus der Gesellschaft gefallen sind, beruflich hilft, ihren Weg zurück zur Mitte zu finden. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass die NGO durch unsere Unternehmensentwicklung ebenfalls wachsen konnte. Anfangs nutzten wir eine Fläche von 70 Quadratmetern und stehen heute bei über 3.000 Quadratmetern. Aktuell planen wir, diese Fläche zu verdoppeln. 

CB: Gab es auch Rückschläge bei Ihren Bemühungen, einen möglichst nachhaltigen Sneaker zu produzieren?

SK: Das Leder macht uns Probleme. 2008 haben wir begonnen, pflanzlich gegerbtes Leder zu verwenden, welches bis dahin in Brasilien gar nicht existierte. Damit mussten wir aber Ende 2016 leider aufhören, da unser Hersteller die Preise dafür verdreifacht hatte. Wir hatten gemeinsam mit ihm gehofft, dass nach uns als Initialkunde weitere Abnehmer folgen würden. Aber in Brasilien spielt das Thema eine geringere Rolle als bei uns in Europa. Das ist für uns ein Rückschritt. Derzeit verwenden wir als Alternative Leder mit sehr niedrigem Chromgehalt, wissen aber, dass wir an diesem Punkt noch nachhaltiger arbeiten könnten, wenn wir nur einen passenden Lieferanten finden. Während der Fashionweek in Berlin erhielt ich in diesem Sommer einen neuen Hinweis auf einen brasilianischen Hersteller, der mithilfe von Olivenblättern pflanzlich gerben soll, was eine gute Alternative für uns wäre. Das prüfen wir bereits. Für unsere Marke Veja ist neben der Anstrengung, eine saubere Produktion aufzustellen, eines wichtig: Wir sind transparent. Transparenz ist uns äußerst wichtig, weswegen wir unsere Philosophie auf unserer Website vorstellen. Dort kann von den Ergebnissen chemischer Tests bis hin zu jedem Schritt der Wertschöpfungskette bei der Produktion unserer Schuhe alles genau nachgelesen werden. Wir tun, was möglich ist, aber wir verschweigen auch nicht, wo es noch klemmt. Ich denke, das macht unsere Glaubwürdigkeit aus.

CB: Wenn es in Brasilien keine Alternative gibt, wieso sourcen Sie nicht einfach in anderen Ländern?

Neuentwicklungen wie das Material „B-Mesh“ (das B steht für Bottle) aus 100 Prozent recyceltem Polyester zeigen den nachhaltigen Ansatz von Veja und machen den Schuh gleichzeitig leicht, atmungsaktiv und wasserfest.

SK: Das könnten wir, aber die Kosten und die Umweltbelastung, die durch die dadurch notwendige zusätzliche Logistik anfallen würden, ist nach unserer Hinsicht nicht vertretbar. Wir haben uns einmal für Brasilien entschieden und müssen nun in diesem großen Land nach Alternativen schauen. Immerhin besitzt Brasilien eine starke Industrie für Schuhe und Bekleidung, sodass wir an einem guten Ort tätig sind.

CB: Neben Leder werden für Sneaker noch weitere Materialien eingesetzt.

SK: Wir sind immer aktiv dabei, wenn es darum geht, interessante Projekte miteinander zu vernetzen. In 2014 haben wir „V-Mash“ entwickelt, ein Mash-Material, welches zu 99,9 Prozent aus Plastikflaschen hergestellt wird. Das ist ein viel höherer Anteil als in üblichen Materialien aus recyceltem Plastik. Überhaupt haben wir in den letzten zehn Jahren zahlreiche neue Materialien für uns entdeckt oder gar entwickelt. Darunter auch Fish Leather. Das Material haben wir 2013 entdeckt und besteht im Grunde, plakativ formuliert, aus Abfällen, die wir durch Upcycling zu wahren Luxus­materialien aufwerten. Ein weiteres Beispiel ist das Material der deutschen Firma Freudenberg, die aus recyceltem Polyurethan ein Material entwickelt hat, welches Leder sehr ähnlich ist. Auch in 2019 werden wir ein neuartiges Material für unsere Sneaker einsetzen, für das wir einen passenden Hersteller gefunden haben. Alle physikalischen Tests des Produkts sind bereits abgeschlossen.

CB: Zertifikate helfen, gegenüber dem Endverbraucher nachzuweisen, auf welchem Level man produziert. Nutzen Sie solche auch?

Auch vegane Modelle sind als Alternative zum Lederschuh ein Teil von Vejas Portfolio. Neben Polyester aus P.E.T.-Flaschen sind diese aus recycelter Baumwolle, synthetischer Seide oder recyceltem Jutestoff.

SK: Wir haben das Zertifikat für Organic und waren auch schon Partner von Fairtrade. Allerdings ist das Fairtrade-Siegel sehr teuer geworden, sodass wir es derzeit nicht weiter unterstützen wollten. Wir denken, dass das Geld an anderer Stelle, etwa bei unseren Bauern, besser aufgehoben ist. Schließlich investieren wir als Unternehmen viel, um nachhaltig und fair zu sein. Das durch eine Organisation überprüfen und belegen zu lassen, ist gut. Doch wenn dieser Schritt unverhältnismäßig teuer wird, sehen wir das kritisch. Unsere Meinung zu Zertifikaten lässt sich übrigens auf unserer Website nachlesen, wenn vielleicht auch nicht zur Freude der Organisationen, die diese ausgeben. Aber wir finden, dass die Transparenz, um die es ja nachgerade geht, nicht einfach bei den Organisationen selbst aussetzen sollte. Ich bin ein großer Fan von Zertifikaten. Nur müssen die neutralen Beobachter auch selbst transparent sein. Übrigens ist es durch zu hohe Preise bei dem einen oder anderen System kleinen Unternehmern kaum möglich teilzunehmen – was ein deutlicher Fehler in diesem System ist.

CB: Sneaker-Marken investieren Unsummen ins Marketing, was die Preise der Produkte treibt. Sie hingegen stecken kein Geld in Werbung und Marketing. Wie machen Sie stattdessen Ihre Marke bekannt?

SK: Wir machen keine Werbung, oder sind keine Sponsoren für Sportler, da die Ausgaben dafür etwa 50 bis 70 Prozent der Kosten eines Schuhpaars ausmachen. Ohne solche Kosten ist es möglich, nachhaltige Schuhe trotz der produktionsbedingten höheren Kosten herzustellen, die im Regal nicht teurer als die herkömmlichen Marken sind. Natürlich würden wir gerne Marketingmaßnahmen ergreifen. Aber es erspart uns erhebliche Ausgaben, die wir in der fairen Produktionskette besser aufgehoben sehen. Heutzutage helfen uns natürlich die sozialen Netzwerke sehr. Aber wir kaufen niemals irgendwelche Influencer, damit sich diese mit unseren Schuhen zeigen.  

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