Max A. Höfer war Assistent des Publizisten Johannes Gross und leitete das Politikressort des Wirtschafts­magazins Capital in Köln. Mit dem Umzug von Bundestag und Bundesregierung wurde er Berliner Bürochef des Magazins. Heute ist er als Publizist tätig.
Max A. Höfer war Assistent des Publizisten Johannes Gross und leitete das Politikressort des Wirtschafts­magazins Capital in Köln. Mit dem Umzug von Bundestag und Bundesregierung wurde er Berliner Bürochef des Magazins. Heute ist er als Publizist tätig.

Alle reden von Diversity, ich neuerdings auch. Den Anstoß gab mein Töchterchen Lotte. Es ist zwar nur wenige Monate alt, aber verändert meine Sicht auf die Welt in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit. Schlaf zum Beispiel kann ich heute viel besser wertschätzen als je zuvor. 

So geht es mir auch mit Diversity. Es bedeutet so viel wie: Wir brauchen mehr Vielfalt und weniger Einfalt. Nur dass die Diversity-Debatte inzwischen selbst recht eindimensional läuft: Geschlecht und Herkunft stehen im Vordergrund. Ich befürchte nur, dass, wenn alle Vorstände eines Unternehmens ihre Ausbildung bei McKinsey absolviert haben, es ziemlich egal ist, woher sie kommen und welches Geschlecht sie haben. 

Kinder spielen in der Diversity-Debatte derzeit gar keine Rolle. Erst Lottchen öffnete mir dafür die Augen. Sie muss dazu gar nicht viel sagen – sprechen kann sie ja eigentlich noch gar nicht –, die neuen Umstände, in die sie mich bringt, sagen es mir: Wer jemals mit dem Kinderwagen in den engen Regalfluren des Drogeriemarkts Rossmann herumzirkeln musste, weiß, wovon ich rede. An dieser Raumplanung war garantiert keine Mutter mit Kind beteiligt. Auch die kurze Dauer der Grünphasen von Fußgängerampeln an so mancher Berliner Schnellstraße muss von sportlichen Verkehrsplanern Anfang dreißig festgelegt worden sein, Eltern mit Kleinkindern würden solche Sprintstrecken nie bewilligen. Künftig sollen alle Grundschüler mit iPads ausgestattet werden. Ich höre die Industrielobby schon jubeln. Dass die Kinder wegen der Displays vermehrt kurzsichtig werden, ist bekannt, findet aber keine Berücksichtigung. Ich sollte für Lottchen besser schon mal ein schickes Brillengestell aussuchen. 

Die Perspektive der Kinder kommt in der Welt von Wirtschaft und Politik einfach zu kurz. Die Gruppe mit dem größten Anteil Kinderloser sind karrierebewusste Akademikerinnen. Biologen würden die meisten männlichen Unternehmensvorstände „Satellitenmännchen“ nennen, weil sie bei Mutter und Brut nur sporadisch vorbeischauen – wie ein erdumkreisender Satellit, der ab und an mal vorbeifliegt. Ich bezweifle, ob ein Martin Winterkorn, der eigenen Angaben zufolge als VW-Chef acht Jahre lang einen penibel durchgetakteten 16-Stunden-Tag absolvierte, seinen Sohn auf einem Schülerklassenfoto erkennen könnte. Er kann ihn rein zeitökonomisch kaum gesehen haben. 

Wir müssen also die Diversity-Debatte um die Kinderkompetenz erweitern. Sollte eine Quote notwendig werden, schlage ich vor, dass in jedem Vorstand mindestens ein Mitglied vier Kinder haben muss und in jedem Aufsichtsrat mindestens ein Mitglied acht Enkel. Aua, wird das schwer sein, die Quote einzuhalten. Kinder an die Macht! Anders kriegen wir die Perspektive auf Kinder in die Lebenswirklichkeit der Mächtigen nicht integriert. Wie das geht, zeigte schon das antike Griechenland. „Athen wird von meinem kleinen Sohn regiert“, überraschte Themistokles, der Sieger der Seeschlacht von Salamis, einmal die Volksversammlung, „denn ich regiere Athen, meine Frau regiert mich und mein kleiner Sohn regiert sie.“