Max A. Höfer war Assistent des Publizisten Johannes Gross, leitete das Politikressort des Wirtschafts­magazins Capital und wurde der Berliner Bürochef des Magazins. Heute ist er als Publizist tätig.
Max A. Höfer war Assistent des Publizisten Johannes Gross, leitete das Politikressort des Wirtschafts­magazins Capital und wurde der Berliner Bürochef des Magazins. Heute ist er als Publizist tätig.

Als wir kurz vor dem Entbindungstermin standen, riet mir ein guter Freund: „Geh mit deiner Frau noch mal gut essen, einfach weil ihr es könnt.“ Ich nahm das als Hinweis, dass die schöne Zeit der freiheitlichen Selbstbestimmung mit Lottchens Geburt unwiederbringlich vorbei sein würde. Und in der Tat, Zeit zum Ausgehen haben meine Frau und ich praktisch keine mehr. Lottchen hat bei uns ein All-Inclusive-Servicepaket gebucht und wir bemühen uns, ihr alle Wünsche von den Augen abzulesen. Wenn wir schwer von Begriff sind, hilft sie uns schon mal mit Geschrei auf die Sprünge. 

Unser geheimer Deal lautet: Lottchen wird gestillt, gebadet und betüdelt und sie entschädigt uns dafür mit ihrem süßen Lächeln und ihrem Sinn für Neues. Wir sind jedes Mal hin und weg, wenn Lottchen Dinge zum ersten Mal tut: an den eigenen Zehen lutschen, Jaaaa und Ahhh sagen oder Papas Bart kraulen. Sie hält also ihren Teil des Deals durchaus ein. Tagsüber ist sie wunderbar, nur nachts, beim Schlafen, da hapert es – und zwar beträchtlich. Irgendwas machen wir falsch. Als Stillkind geht sie mit Mama ins Bett und bald schon löst sich das Köpfchen von der Mutterbrust und sie dämmert selig weg. Allerdings ist ihr Schlaf so leicht und sie hat auch zwischendurch Hunger, dass an ein Durchschlafen nicht zu denken ist. Vor allem meine Frau schiebt ein riesiges Schlafdefizit vor sich her, das auch nicht weniger wird, wenn uns Freunde trösten, dass es bei ihnen genauso war. 

Wir haben schon einiges probiert: die optimale Schlafumgebung, die richtige Raumtemperatur und ganz besonders schicker Schlafsack. Anfangs trug ich Lottchen so lange vor dem Zubettgehen herum, bis sie gähnte und richtig müde war. Gebracht hat es nichts. Dann fütterten wir extra Nahrung zu, denn ein voller Bauch schläft besser. Klappte mal gut, mal gar nicht. Wenn ich ihr Schlaflieder vorsinge, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie überhaupt einschläft; wenn Mama vorsingt, steigt sie leicht – aber das mag an meinen musikalischen Qualitäten liegen. Wenn der Fernseher im Hintergrund läuft, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Lottchen schlechter ein-, aber länger durchschläft. Wenn sie Bauchweh hat, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie schlecht ein- und nicht durchschläft. Sicher kann man nie sein. Ich würde meine grundsätzliche Skepsis gegenüber Überwachungs-Apps ernsthaft zurückstellen, wenn Google all diese widersprüchlichen Signale zu einem Algorithmus vereint, der uns optimal durch die Nacht lotst. Aber hier versagt Google. Bis die so weit sind, ist Lottchen erwachsen. 

Den meisten voll berufstätigen Eltern bleibt gar keine andere Wahl, als abzustillen und zum amerikanischen Standardmodell überzugehen: Danach sollen Babys im eigenen Bett einschlafen – und zwar immer zur gleichen Zeit mit denselben Routinen. Angeblich wird das Kind sogar früher selbstständig, meinen Harvard-Psychologen. Da kommt der puritanische Kontrollzwang durch, denn Beweise dafür gibt es keine, aber die Eltern können pünktlich zur Frühschicht antreten. Natürlich machen die Babys dabei nicht freiwillig mit, denn sie suchen von Natur aus die Nähe der Eltern. Also kommt die Ferber-Methode zum Einsatz: Das Kind wird für immer längere Zeit im Bett allein gelassen, auch wenn es herzzerreißend schreit. Irgendwann resigniert es und fügt sich seinem Schicksal. Eine ganz gute Vorbereitung für das spätere Funktionieren im beruflichen Hamsterrad. Emotionale Schäden inbegriffen. Wir haben das auch ausprobiert, exakt zehn Minuten, und dann aufgegeben. Ja, ich bin ein Weichei und als Folterer für die CIA völlig ungeeignet.