Abmahnungen können Kleinunternehmer in Existenz­not bringen. DaWanda unterstützt eine Petition gegen den Abmahnmissbrauch.

Das DIY-Portal DaWanda vermittelt Produkte von mehr als 360.000 Designern und Kreativen.  Und diese geraten immer wieder auf das Radar von Abmahnvereinen. DaWanda-Gründerin Claudia Helming beobachtet dabei auch einen Missbrauch des Abmahninstrumentariums und unterstützt eine Petition dagegen.

Childhood Business: Sie unterstützen eine Initiative für eine Reform des wettbewerbsrechtlichen Abmahnwesens. Was war für Sie der Auslöser?

Claudia Helming: Im Frühjahr 2017 informierten uns die ersten DaWanda-Verkäufer darüber, dass sie abgemahnt wurden. Ab Juni 2017 stieg die Zahl der Abmahnungen dann massiv an. Seither haben uns knapp 500 Betroffene ihre Abmahnungen zugeschickt. Es scheint, als hätten bestimmte Vereine und Rechtsanwälte das Abmahnwesen als lukrative Einnahmequelle für sich entdeckt. Sie verdienen aktuell Millionenbeträge – auf dem Rücken gerade kleiner Unternehmer.

Besonders beliebt sind dabei Abmahnungen wegen Form- und Flüchtigkeitsfehlern wie fehlerhafter Angaben oder Formulierungen in den Geschäftsbedingungen, der Widerrufsbelehrung oder dem Widerrufsformular. Solche Fehler können schnell entstehen. Auch reicht es den Abmahnern bereits, wenn eines von Hunderten Produkten im Shop fehlerhaft eingestellt wurde.

Wir finden, gegen den unangemessenen und exzessiven Einsatz von Abmahnungen muss dringend etwas unternommen werden. Wir fordern daher eine Reform des wettbewerbsrechtlichen Abmahnwesens. Die Petition hat das DaWanda-Mitglied Vera Dietrich, die selbst abgemahnt wurde, beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages eingereicht. Wir unterstützen sie dabei mit all unseren Mitteln. Wer mitzeichnen möchte, kann das noch bis Ende April 2018 tun: https://bit.ly/2qxrwZ0 DaWanda hat sich zum Ziel gesetzt, den missbräuchlichen Abmahnungen seiner Verkäufer Einhalt zu gebieten.

So haben wir Mitte März 2018 bei der Staatsanwaltschaft Köln mit einer eigenen Strafanzeige beantragt, das Verhalten des Interessenverbands für das Rechts- und Finanzconsulting deutscher Online-Unternehmen (IDO) einer strafrechtlichen Prüfung zu unterziehen. Zudem unterstützt DaWanda Verkäufer im Rechtsstreit gegen den IDO, damit aktuell herbeigeführte Urteile Klarheit über die Aktivlegitimation des Verbandes schaffen.

CB: Haben Sie Ihre DaWanda-Partner um Unterstützung der Petition gebeten?

Claudia Helming ist Gründerin und Geschäftsführerin von DaWanda, einem Online-Marktplatz für Designer und Kreative. Sie studierte an der LMU München Romanistik und Tourismus und war danach bei lastminute.de als Head of Operations tätig. DaWanda beschäftigt derzeit 150 Mitarbeiter aus 18 Nationen.

CH: Aktuell wurde die Petition von rund 18.000 Menschen mitgezeichnet. Das ist an sich bereits ein tolles Ergebnis und zeigt, dass das Thema von großer Relevanz ist. Um möglichst viele Mitzeichner zu mobilisieren, haben wir großflächig über alle uns zur Verfügung stehenden Kanäle und natürlich auch über unsere Partner informiert. Die Initiatorin arbeitet zudem sehr eng mit der IHK zusammen.

CB: Sind Sie bereits selbst für aus Ihrer Sicht nachrangige Anlässe abgemahnt worden?

CH: Nein, DaWanda als Unternehmen wurde nicht abgemahnt. Aber eine Vielzahl unserer Verkäufer. Das ist ja das Gemeine: Besonders die kleinen und mittelständischen Unternehmen können die finanziellen und personellen Ressourcen für einen Rechtsstreit oft nicht aufbringen. Eine Abmahnung wegen kleinster formaler Verstöße ist für sie existenzbedrohend und bedeutet oft das Aus ihrer kreativen Tätigkeit. Und einige Vereine auf der anderen Seite bereichern sich unverhältnismäßig. Eine Reform des Instituts der wettbewerbsrechtlichen Abmahnung ist dringend erforderlich, um Missbrauch von vornherein weitestgehend auszuschließen. Die Gesetzeslage ist schwierig, aber wir kämpfen.

CB: Welche Vorfälle beobachten Sie, hinter denen Sie eine „Abmahnindustrie“ wittern?

CH: Abmahnungen können durchaus ein sinnvolles Instrument sein, um Konflikte außergerichtlich und unbürokratisch zu lösen. Sie werden jedoch auch als Einkommensquelle genutzt. Den Abmahnern geht es nicht darum, die Verbraucher zu schützen, vielmehr nutzen sie kleine Fehler als Vorwand für eine Abmahnung aus. Besonders beliebt sind Abmahnungen wegen Form- und Flüchtigkeitsfehlern. So darf beispielsweise im Widerrufsformular keine Telefonnummer enthalten sein, in der Widerrufsbelehrung ist sie dagegen Pflicht. Wer das verwechselt, wird abgemahnt. Ein anderes Beispiel ist die Reihenfolge der Prozentangabe verwendeter Materialien bei Textilien, die unbedingt in absteigender Reihenfolge erfolgen muss. Die Angabe „5 % Elastan und 95 % Baumwolle“ ist formal falsch, auch wenn sie inhaltlich richtig ist, hier kann abgemahnt werden. 

CB: Wir könnnen Sie Ihre Anbieter besser gegen massenhafte Abmahnungen schützen?

CH: Wir bieten auf unserem Verkäuferportal in Zusammenarbeit mit zwei Rechtsanwaltskanzleien die Möglichkeit, für knapp zehn Euro monatlich rechtssichere Dokumente für den persönlichen DaWanda-Shop zu erstellen. Außerdem informieren wir regelmäßig über die häufigsten Abmahngründe. Doch letztendlich ist jeder Verkäufer selbst für die Rechtssicherheit seiner Texte zuständig.

CB: Welche Forderungen richtet die Petition an den Gesetzgeber?

CH: Die konkreten Forderungen, die Vera Dietrich in ihrer Petition formuliert hat, sind:
• eine Verschärfung der Anforderungen an Abmahnvereine und Klagebefugnis von Vereinen und Mitbewerbern,
• verschiedene Maßnahmen zur Reduzierung der finanziellen Anreize,
• verfahrensrechtliche Änderungen, die ein Kräftegleichgewicht herstellen und den abgemahnten Unternehmen ermöglichen sollen, sich auch bei finanzieller und personeller Überlegenheit des Abmahners gegen Abmahnmissbrauch verteidigen zu können.

Auch ein Zusammenschluss der zehn größten Wirtschaftsverbände hatte im vergangenen Jahr kurz vor der Bundestagswahl ein Papier vorgelegt, in dem konkrete Forderungen aufgestellt werden, um den Missbrauch zu bekämpfen.

CB: Glauben Sie, dass Sie mit der Petition wirklich etwas ausrichten können?

CH: Unser wichtigstes Ziel ist es, öffentliche Aufmerksamkeit herzustellen, die Betroffenen sichtbar zu machen und ihnen Gehör zu verschaffen. Und mit steigender medialer Aufmerksamkeit gelingt das natürlich immer besser. Ab 50.000 Mitzeichnern muss sich sogar der Petitionsausschuss in einer öffentlichen Sitzung mit dem Thema befassen und die Initiatorin der Petition kann ihr Anliegen dort mit den Abgeordneten diskutieren. Bereits jetzt ist die Petition eine der stärksten des Jahres. 


Über das Unternehmen DaWanda

Seit dem vierten Quartal 2017 ist das Unternehmen DaWanda, der nach eigenen Angaben in Europa führende Online-Marktplatz für Handgemachtes und Unikate mit Sitz in Berlin, erstmals profitabel. Der Umsatz gegenüber dem Vorjahr wuchs um 21,4 Prozent und belief sich in 2017 auf 16,4 Millionen Euro, nach 13,5 Millionen Euro in 2016. Der operative Verlust (EBITDA) lag 2017 insgesamt noch bei knapp einer Million Euro, im Vorjahr war es noch ein Minus von vier Millionen Euro. Seit der Gründung vor elf Jahren haben sich über 360.000 Designer und Kreative auf der Plattform registriert, täglich stehen rund sechs Millionen Produkte zum Kauf.

Claudia Helming, Gründerin und Geschäftsführerin von DaWanda, sagt dazu: „In den vergangenen Jahren haben wir DaWanda in Deutschland und in Europa groß gemacht. Wir investierten dabei vor allem in die stetig steigende Bekanntheit und in den Ausbau unserer Marktführerschaft – das funktioniert nicht ohne hohe Marketing- und Personalkosten. An den Errungenschaften der letzten Jahre werden wir weiter festhalten, künftig jedoch die anhaltende beziehungsweise steigende Profitabilität nicht aus dem Blick verlieren, denn diese unterstreicht den Erfolg unserer langfristigen Geschäftsstrategie.“

Das Jahr 2017 war geprägt von Umstrukturierungen. Zunächst passte das Unternehmen zum Januar 2017 erstmals nach sieben Jahren gleichbleibender Gebührenhöhe und -struktur das Gebührenmodell für die Verkäufer auf dem Online-Marktplatz an. Die Preisstruktur wurde auf allen Märkten vereinheitlicht und vereinfacht, die Verkaufsgebühr beinhaltet seitdem auch Zusatzleistungen, beispielsweise das „DaWanda-
Portemonnaie“, ein Online-Zahlungssystem, das den Geldaustausch zwischen DaWanda-Verkäufern und ‑Käufern erleichtert und zusätzliche Zahlungsoptionen wie Kreditkarte, Sofortüberweisung oder PayPal ermöglicht. Im Juni folgten umfangreiche Restrukturierungsmaßnahmen, mit denen auch ein Abbau von Personal einherging. Mit einer schlankeren und effizienteren Organisationsstruktur fokussiert sich das Unternehmen nun gezielt auf jene Bereiche, die das Wachstum vorantreiben sollen.

Das Unternehmen will sich künftig noch stärker auf seine wichtigsten Märkte konzentrieren und dabei weiter profitabel wachsen. „Der Strategiewechsel hat DaWanda kräftig Auftrieb gegeben und auch in Zukunft werden wir uns auf den Kern unseres Geschäfts fokussieren – und dabei noch agiler und technologiegetriebener werden“, ergänzt Helming. „In der Gesellschaft hat ein Umdenken stattgefunden: Der Aspekt der Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Die Menschen kehren Massenware den Rücken und legen verstärkt Wert auf besondere Produkte und qualitativ hochwertige Handarbeit unter fairen Bedingungen“, so Helming.

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Cover der Ausgabe, aus dem der Beitrag stammt. Der eben gelesene Beitrag
Initiative gegen den Abmahnwahn
erschien in der gedruckten Ausgabe 04-05 / 2018 von Childhood Business vom 11.01.2018 auf Seite 75

Hier geht es zu ausgewählten Beiträgen aus der Ausgabe. Nicht alle Inhalte sind Online zu lesen. Die komplette Ausgabe können Sie im Shop hier bestellen.