Step by Step www.stepbystep-schulranzen.de

Schulranzen will die Digital­ministerin Bär zwar gar nicht abschaffen. Aber manch gewichtige Bücherschwarte sollte künftig doch lieber digital sein. Childhood Business hat bei den wichtigsten Herstellern einmal nachgefragt, was sie davon halten.

Bis in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts gab es für Schüler einfach einen schier unverwüstlichen Lederranzen: Er strahlte weder in Tagesleuchtfarben, noch reflektierte er in der Nacht. Er war einfach nur braun. Über die Jahre angebrachte Aufkleber gaben der Schultasche jene nur durch den Zeitverlauf eines Schülerlebens zu erreichende persönliche Note, die sich heute direkt aus dem Regal mittels durchgestylter Lizenzmodelle bereits beim Erwerb ganz nach der Dominanz aktueller Lizenzchampions erwerben lässt.Was den Ranzen ausmachte, war schnell aufgezählt: zwei Tragegurte, zwei Schnallen und ein ordentliches Eigengewicht.

Der Game-Changer

Scout
Modell: Sunny „Happy Dolphins“
UVP: 155 Euro
www.scout-schulranzen.de

Und dann, Mitte der 1970er-Jahre, wurde es ganz plötzlich bunt. Mit der Einführung der Marke Scout wurde 1975 der Lederranzen in kürzester Zeit abgelöst. Bunte Ranzen aus Kunststoff wechselten das bewährte Modell aus Leder aus. Jedes Kind wollte ihn haben und der von der Firma Sternjakob aus der Pfalz produzierte Scout-Ranzen versprach einen höheren Tragekomfort und mehr Sicherheit – Schlagworte, die bis heute bei vielen Eltern auf dankbaren Boden fallen. Fluoreszierende orangefarbene Elemente und Schlösser mit Katzenaugen versprachen, mit einem Scout sicherer durch den Straßenverkehr zu wandeln. Der Ranzen wurde leichter, hatte mehr Platz und verfügte von nun an über einen Innenkern aus stabiler Pappe, war aber dennoch robust. Und das ist bis heute wichtig, denn er muss viel aushalten. Schließlich bietet er sich fast selbstredend als Stuhlersatz auf dem Pausenhof an. Vor Mitschülern, die jedes Jahr von Neuem für sich den schulischen Ranzen-Weitwurf-Wettbewerb entdecken, ist er auch nicht sicher. Und hat er das überstanden, kommt mit Sicherheit eines Tages der Knilch aus der 1 c, der beim mittäglichen Abholen noch einmal ganz dringend gegen den Tornister des Mitschülers treten muss.

Go Easy
Modell: Go Easy Two
UVP: ca. 40 Euro
www.go-easy.de

Nichts ohne Norm 

Was damals eine Neuerung war, ist heute in eine Norm gegossen. Präzise bezeichnet ist es die DIN 58124. Demnach sollen Ranzen heute hochformatig, stabil und standsicher sein. Scharfe Kanten sind nicht erlaubt. Bei der Ergonomie des Schulranzens geht es darum, die Gefahr von Haltungsschäden und Schmerzen zu vermeiden. Die Knochenstruktur von Kindern im Grundschulalter von sechs bis zehn Jahren ist empfindlich, sodass Fehlbelastungen zu bleibenden Schäden führen können. Daher ist das Rückenpolster ergonomisch sowie atmungsaktiv auszulegen und die Tragegurte haben mindestens drei Zentimeter breit und im Schulterbereich weich gepolstert zu sein. Praktisch sind auch zusätzliche Brust- und Hüftgurte. Letztere verlagern das Gewicht des Schulranzens auf den stabilen und relativ unempfindlichen Hüft- und Beckenbereich und entlasten so die Schultern. Schultergurte und Verschlüsse dürfen sich nicht von allein lösen können. Selbstverständlich wird auch die Verkehrssicherheit großgeschrieben. Signalfarben sorgen für eine gute Sichtbarkeit bei Tage. Zehn Prozent der Vorder- und Seitenflächen mit retroreflektierenden Materialien sowie mindestens 20 Prozent fluoreszierender Flächen ermöglichen gute Sichtbarkeit auch bei Nacht.

Test-Dramen

Wo eine Norm ist, sind Tests nicht weit. Leider können sie die Käufer manchmal auch verwirren. Einmal fielen bei der Stiftung Warentest reihenweise Ranzen durch, weil sie keine Signalfarben aufwiesen, während die gleichen Modelle bei Öko-Test Testsieger wurden, da sie schadstofffrei waren. Die Sieger im erstgenannten Test wiederum waren mit Schadstoffen belastet und erhielten im letztgenannten Check daher schlechte Noten.

Randsellier
Modell: Bordeaux
UVP: k. A.
www.randsellier.com

Inzwischen gibt es neben Scout noch gut ein Dutzend weiterer Anbieter mit vergleichbaren Ranzentypen auf dem Markt. Einige Hersteller bieten vor allem Motiv­ranzen, die an Themenwelten der Kinder anschließen. Bis vor Kurzem war Spiegelburg einer dieser Hersteller, der uns auf Nachfrage aber mitteilte, dass er sich aus dem Markt zurückziehe und nur noch das Lager räume. Neben den bekannten Linien wie 4You, Ergobag, Sammies by Samsonite und Scooli gibt es weitere Taschenexperten wie Lässig oder Retroklassiker wie Randsellier. Alle fertigen praktisches Gepäck für Schulkinder und folgen dabei den sinnvollen Normen, generellen Vorlieben sowie sachlichen Anforderungen. Auch wenn die Abschaffung des Ranzens gar nicht auf der Agenda der Digitalministerin Bär steht, hat Childhood Business zu diesem Anlass die wichtigsten Hersteller befragt.

CB: Wie wird die Digitalisierung der Schulen die Kultur der Schulranzen verändern?

Sven-Oliver Pink, Fond of: Grundsätzlich ist es wichtig, dass die deutschen Schulen in puncto Digitalisierung aufholen. Momentan können sie im weltweiten Vergleich noch nicht mithalten. Um die Kinder auf die Welt von heute vorzubereiten, sollte die digitale Medienkompetenz Teil des Lehrplans sein. Es ist höchste Zeit, das Schulsystem an die Digitalisierung unserer Gesellschaft anzupassen. Aber auch Tablets müssen zur Schule getragen werden.

4You
Modell: Change
UVP: ca. 60 Euro
www.4you.de

Laure Bertrando, Lässig: Der Schulranzen ist doch Teil der deutschen Schulkultur und ein Produkt, worüber sich die stolzen Abc-Schützen freuen. Warum sollten Tablets dies ändern? Sie passen genauso wie Bücher wunderbar in Schulranzen. 

Katharina Voigt, Scooli: Aus unserer Sicht ist der Schulranzen speziell für die Einschüler und generell für Grundschüler kurz- und mittelfristig nicht wegzudenken. Auch wenn das Tablet zukünftig größeren Einfluss auf den Schulalltag haben wird, ist das Schreibenlernen mit Stift und Heft nicht wegzudenken. Im Gegenteil: Das Erlernen und Üben des manuellen Schreibens fördert beispielsweise auch die Feinmotorik.

 

CB: Die Ministerin hat auch auf arg schwere Bücher verwiesen. Fallen die Schultaschen im Alltag nicht doch viel zu schwer aus, wovon auch manche Eltern ein Lied singen können?

Thomas Prechtel, Steinmann Gruppe: Diese Diskrepanz sehen wir nicht, da wir diese Beobachtung im Alltag nicht machen können. Unsere Fachhandelspartner sind geschult und geben Eltern und Kindern wichtige Hinweise zum optimalen Packen und rückenfreundlichen Tragen. Auch liegt unseren Produkten entsprechende Literatur bei. Unsere Schulranzen und -rucksäcke wiegen je nach Marke und Modell zwischen 800 Gramm und 1.200 Gramm, also in jedem Fall unter dem Maximalgewicht von 1.300 Gramm, das die Aktion Gesunder Rücken e. V.(AGR) empfiehlt. 

Samsonite
Modell: Sammies Ergofit (6-tlg.)
UVP: 209,95 Euro
www.samsonite.de

Laure Bertrando: Es kommt hier eher auf die Frage an, wie der Schulranzen gepackt ist. Beim Packen gilt: Schwere Sachen nach hinten, leichte nach vorn. Dicke, große Bücher liegen an der Rückwand und somit körpernah, dicht am Rücken des Kindes. Leichtere Hefte und die Federtasche passen gut nach vorne. Trinkflasche und Brotdose sind am besten in den Seitentaschen aufgehoben. Wichtig: Das Gewicht muss so im Ranzen verteilt sein, dass dieser gerade am Rücken anliegt und nicht nach hinten oder zu einer Seite zieht. 

Ramona Haunstetter, Step by Step: Da haben Sie recht. Beim Anblick von so manchem Schulkind, das mir auf dem Weg zur Arbeit begegnet, würde ich den Schulranzen nur zu gerne einmal richtig anpassen. Wir als Hersteller können eine Vielzahl von Features in unseren Schulranzen integrieren, doch die Handhabung liegt in der Hand des Endverbrauchers. Wir versuchen hier über unsere Social-Media-Kanäle und Endverbrauchermedien aufzuklären. Ein Beispiel sind Erklärvideos, wie der Schulranzen richtig gepackt oder richtig eingestellt wird. 

CB: Was halten Sie persönlich von der frühen Digitalisierung der Kinder und einer Abkehr von Lehrbüchern, Schreibheften und Stiften? 

Sven-Oliver Pink: Mit Papier und Stift schreiben zu lernen und mit Buntstiften statt am Tablet zu malen, halte ich für mindestens genauso wichtig – beides sollte nie von Grundschullehrplänen verschwinden.

Scooli
Modell: Campus UP „Football Cup“
UVP: 149,95 Euro
www.scooli.com

Filip Pavic, Go Easy: Eine Abwechslung bei der Lerngestaltung ist wichtig. Die kognitiven Fähigkeiten müssen im Zeitalter der Digitalisierung noch mehr gefördert und ausgebaut werden. Kinder sollen selber etwas machen und entwickeln! Nur mit einem Tablet ist das nicht zu bewerkstelligen. Wichtig sind Projektarbeit, raus in die Natur zu gehen, mit Händen die Werkstoffe zu bearbeiten – einfach selbst was zu schaffen in der realen Welt und nicht nur in der digitalen.

Laure Bertrando: Kleinkinder haben Grundbedürfnisse, die durch Interaktion mit einem Bildschirm nicht befriedigt werden. Sie brauchen soziales Miteinander, Fürsorge und Aufmerksamkeit von den Eltern und müssen die Welt entdecken, um sich zu entwickeln. Sie brauchen für ihre Entwicklung andere Reize, als sie durch Medien bekommen. Die Medienreize sind mittlerweile omnipräsent. Die Digitalisierung unserer Gesellschaft gehört fest zur Lebensrealität dazu. Hier müssen wir als Erwachsene den richtigen Umgang finden, um unseren Kindern parallel zu den traditionellen Lehrbüchern eine sinnvolle Nutzung der neuen Medien beizubringen. Auch sollte sich unsere Gesellschaft damit befassen, wie der Umgang mit den neuen Medien in die Ausbildung unserer Kinder integriert werden kann.

Lässig
Modell: „About Friends“
UVP: 131,95 Euro
www.laessig-fashion.de

Thomas Prechtel: Das Lesen von Büchern und das Schreiben von Hand genauso wie die Grundrechenarten bilden das Fundament einer Bildungsgesellschaft. Der Umgang mit digitalen Medien wird in unserer Arbeitswelt aber als immer selbstverständlicher vorausgesetzt. Aber: Wir machen keine Schulpolitik, sondern erleichtern das Leben der Schulkinder mit unseren Produkten. 

Ramona Haunstetter: Es kann nicht der Sinn der Sache sein, dass ein Erstklässler das Zehn-Finger-Tastaturschreiben beherrscht, jedoch nicht mit der Hand schreiben kann. Bekanntlich können sich Kinder und auch Erwachsene Dinge besser merken, wenn sie alle Sinne einsetzen. 

Ergobag
Modell: RambazamBär (6-tlg.)
UVP: 249 Euro
www.ergobag.de

CB: Was würden Sie Frau Bär am liebsten mit auf den Weg geben in Bezug auf die Modernisierung in den Schulen?

Katharina Voigt: Die Modernisierung und Digitalisierung unserer Schulen ist eine gute Investition in die Bildung unserer Kinder. Doch neben der Investition in die IT-Ausstattung und der entsprechenden Qualifikation des Lehrpersonals würden wir gerne auch sportliche Aktivitäten und gesunde Ernährung in den Pausen wieder mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Denn sie sind die Grundlage für unsere Gesundheit und unsere Leistungsfähigkeit.

Ramona Haunstetter: Modernisierung ist wichtig, jedoch sollte dabei die Motorik nicht zu kurz kommen.

Sven-Oliver Pink: Ich finde es sehr wichtig, dass sich Dorothee Bär für die Modernisierung deutscher Schulen starkmacht und so nachfolgenden Generationen die Möglichkeit gibt, wettbewerbsfähig zu sein. Wir Hersteller werden unsere Produkte bestmöglich an die digitale Schule anpassen. 


Cover der Ausgabe, aus dem der Beitrag stammt. Der eben gelesene Beitrag
Ranzen gehören nicht abgeschafft – Stimmen von den Herstellern
erschien in der gedruckten Ausgabe 04-05 / 2018 von Childhood Business vom 11.01.2018 auf Seite 53

Hier geht es zu ausgewählten Beiträgen aus der Ausgabe. Nicht alle Inhalte sind Online zu lesen. Die komplette Ausgabe können Sie im Shop hier bestellen.