Max A. Höfer war Assistent des Publizisten Johannes Gross, leitete das Politikressort des Wirtschafts­magazins Capital und wurde der Berliner Bürochef des Magazins. Heute ist er als Publizist tätig.
Max A. Höfer war Assistent des Publizisten Johannes Gross, leitete das Politikressort des Wirtschafts­magazins Capital und wurde der Berliner Bürochef des Magazins. Heute ist er als Publizist tätig.

Zum Glück kann Lottchen noch nicht lesen, dachte ich mir unlängst, als ich in der Zeitung von einer Feministin las, die allen Ernstes meinte, man dürfe aus Gründen des Umweltschutzes keine Kinder in die Welt setzen – sie verursachen angeblich zu viel CO2. Lottchen als Klimaschädling? Das ist doch arg übertrieben. Das bisschen Birnen-, Hafer- oder Karottenbrei, das sie zu sich nimmt, kann unmöglich den Planeten in Schieflage bringen. Mal lässt sie ein halbes Schüsselchen ungegessen zurückgehen, mal trinkt sie ihren Apfelsaftbecher nicht aus. Aber ist das wirklich so schlimm? Auch Lottchens Methangasproduktion, über die wir hier nun indiskreterweise reden müssen, kann zwar gelegentlich zu lauten Kanonaden führen, aber ich glaube nicht, dass sie sich chemisch in der Atmosphäre tatsächlich nachweisen lässt. 

Wer auf Kinder verzichtet, um die Erderwärmung aufzuhalten, muss sich sehr sicher sein, dass er der Natur damit wirklich einen Gefallen tut. In Wahrheit dürfte es „der Natur“ ziemlich egal sein, wie viel Grad es gerade hat. Sie kommt auch ohne uns klar, wir nur nicht ohne sie. 

Die Vorstellung, eine Welt ohne die vielen lebensfrohen Kindergesichter wäre eine bessere, kommt selbstlos ökologisch daher, ist aber eine moderne Version des Selbsthasses. Neu ist das nicht. Schon die antiken Manichäer und christlichen Mönche durften keine Kinder zeugen, weil Kinder nur das Böse auf der Welt weiter fortpflanzen. Selbstelimination aus guter Gesinnung. Sie durften nicht heiraten, kein Fleisch essen und keine Blumen pflücken, hatten also eine vorbildliche CO2-Bilanz, lebten aber gleichwohl in der Erwartung der drohenden Apokalypse, was sie heutigen Ökoasketen noch ähnlicher macht. Es ist eine moderne Variante der Erbsünde: Lottchen und ihresgleichen sollen von Beginn an mit dem schlechten Gewissen aufwachsen, dass alles, was sie tun und was ihnen Freude bereitet, die Umwelt schädigt. 

Traurig stimmt, dass die Feministin nicht in der Lage ist, auch nur einen ernsthaften Grund für Elternschaft zu nennen. Ich denke, jede Mutter und jeder Vater könnte ihr da nachhelfen: Wir nennen es Liebe. Ich habe mich vom ersten Augenblick an in Lottchen verliebt, erst tastend, dann immer enger und wie in jeder Liebe immer facettenreicher. Die Liebe zum Kind ist tief greifend wie keine andere, weil sie durch beinahe alles, was einen als Person ausmacht, hindurchgeht. Das zeigt sich gerade in Nebensächlichkeiten: Muss ich die Übertragung des Fußballspiels Bayern München gegen Barca sehen, wenn ich Lottchen, die vor dem Fernseher eingeschlafen ist, dabei wecken müsste? Der Alltag besteht aus Tausenden solcher Momente. Darin wird Lottchen mich erkennen und daran messe ich mich selbst. Kinder sind eine Schule des Ich und eine Schule des Wir. 

Von wie vielen Menschen kann man wirklich sagen, dass man sie liebt, dass die Liebe unerschütterlich ist? Die meisten Eltern würden das über ihre Kinder sagen, besonders wenn diese klein sind. Eltern sind für ihre Kinder bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Fragen wir uns, für wen wir sonst noch bereit sind, alles zu opfern? Für die Arbeitskollegen, die Raver im Berghain, für eine Müll trennende Antinativistin? Kinder halten uns in der Welt fest, sie verbinden uns mit dem Urstrom der Natur, sie heben unser Leben über unser Leben hinaus. Wir nennen es Liebe – und deshalb gibt es keinen Grund, auch nur auf ein Kind zu verzichten. 


Cover der Ausgabe, aus dem der Beitrag stammt. Der eben gelesene Beitrag
Wir nennen es Liebe
erschien in der gedruckten Ausgabe 07 / 2019 von Childhood Business vom 11.07.2019 auf Seite 98

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