Das erste „Mama“ und „Papa“ eines Babys ist für alle Eltern ein schönes Ereignis. Auch wir strahlten, als uns Lottchen mit ihren ersten Worten beglückte. Endlich kann sie sagen, was sie meint, gab ich einer Freundin gegenüber meiner Hoffnung Ausdruck, die Kommunikation zwischen Lottchen und ihren Eltern würde künftig leichter. Missverständnisse könnten wir nun rasch aufklären.

Neugeborene können ja leider noch nicht mitteilen, ob sie Hunger haben, müde sind und ins Bett wollen oder ob die Hose voll ist. Unsere Freundin reagierte merkwürdigerweise weniger euphorisch. Manchmal wäre es besser, meinte sie mit einem Seitenblick auf ihre drei Plagen, wenn sie nicht sprechen könnten.

Eineinhalb Jahre später beginnt sich mir die Weisheit dieser Erkenntnis zu erschließen. Dass Lottchen unendlich viel quasselt, stört mich eigentlich nicht. Manchmal sprudeln ihre Worte einfach so aus ihr raus, ohne Sinn und Verstand. Aber das ist ja auch bei vielen Erwachsenen so. Besonders seit der Erfindung von Instagram und Co. 

Die Missverständnisse sind, genau besehen, auch nicht wirklich weniger geworden. Frage ich Lottchen vor dem Zubettgehen, ob sie schon auf dem Topf war, bekomme ich meistens ein Nein, denn ein Ja würde den direkten Weg ins Bett bedeuten. Zeit schinden lässt sich durch Sprache perfektionieren. Lottchen ist eine Meisterin darin. Hat sie jetzt wirklich noch Durst? Muss sie echt noch aufs Töpfchen?

Die Kleine hat Mama und Papa voll durchschaut und richtet ihre Strategie ganz gezielt aus. Ich bin für Lottchens Charme eine leichte Beute. Kürzlich nahm sie meinen Kopf in beide Hände, drückte ihn an sich uns sagte zu mir: „Wir sind beste Freunde.“ Ich war ebenso hingerissen wie ratlos: Woher sie diese Phrase hatte? Zitierte sie einen französischen Filmklassiker? Klar, dass ich danach vor dem Zubettgehen noch eine Runde Puppen mit ihr spielte. Lottchen kann aber auch anders. „Geh’ in die Küche“, wies sie ihre Mutter letzthin an, sie wollte beim Spielen nicht gestört werden. 

Lottchen wiederholt in ihren Sprüchen, was sie im Elternhaus vorgelebt bekommt. Sie übernimmt Papas und Mamas Ansagen eins zu eins – und leider wirklich alle. „War das nötig?“, kommentierte sie, als ich die Fernbedienung fallen ließ. „Das ist nicht lustig“, meinte sie, als wir ihr einen Porzellanteller wegnahmen, den sie als neues Spielgerät entdeckt hatte.

Lottchen stört es, wenn sich Papa und Mama miteinander unterhalten. Da kann es vorkommen, dass Lottchen mit einer Hand auf den Tisch haut und sagt: „Schluss jetzt, hab’ ich gesagt.“ Lottchen setzt die Pointen wirklich gekonnt. Wir hören uns darin selbst und müssen oft herzlich lachen. 

Neulich betrete ich nichtsahnend mit ihr einen DM-Laden. Lottchen begrüßt die Kunden mit einem fröhlich-lauten „Hallo Arschgesichter!“ Ich blicke verdutzt um mich. Was hat sie da eben gesagt? Eine junge Frau schaut belustigt her und mustert erst Lottchen, dann mich. Die Kassiererin tut so, als habe sie nichts gehört. Zum Glück sind nur wenige Kunden anwesend. Ich lächle gequält und denke, eine Entschuldigung würde die Sache nicht unbedingt besser machen. Lottchen ist ja erst zweieinhalb.

Mir dämmert, dass ich kürzlich bei der Tagesschau die Kabinettsmitglieder so betitelt hatte. Klar doch, dass Lottchen diese Begrüßungsformel für das Normalste der Welt hält. Hatte ich nicht auch mehrfach über einen bekannten Unionspolitiker „Was für ein Depp“ ausgerufen? Diese Zuschreibung entspricht zwar der Wahrheit. Was aber, wenn Lottchen sie auf die Kindergartenleiterin anwendet? Manchmal wäre es wirklich besser, wenn die Kleinen nicht sprechen könnten. Oder die Erwachsenen ein besseres Vorbild wären.


Cover der Ausgabe, aus dem der Beitrag stammt. Der eben gelesene Beitrag
Spieglein, Spieglein
erschien in der gedruckten Ausgabe 06-07 / 2021 von Childhood Business vom 23.06.2021 auf Seite 98

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Max A. Höfer war leitender Redakteur beim Wirtschafts­magazins Capital. Er gründete die Kommunikationsagentur Höfermedia und ist als Publizist tätig. Als Vater schreibt er auch als Kolumnist für Childhood Business.