Foto: Kay Nietfeld/dpa

Manchmal fällt ein Wort und entwickelt dann ein wundersames Eigenleben. „Stille Post“ nennt sich das beim Kinder­geburtstag. So ist es jüngst in der Presse beim Thema „Schulranzen“ geschehen. 

Zuerst hielten wir es für einen Aprilscherz, als die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) am 1. April 2018 in der Online-Ausgabe titelte, Dorothee Bär wolle den Schulranzen abschaffen. Im Anschluss hieß es: „Viel mehr Schüler sollen nach dem Willen der neuen Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, ein Tablet im Unterricht benutzen.“ Bär wurde wie folgt zitiert: „Die Kinder tragen viel zu schwere Schulranzen mit zum Teil veralteten Schulbüchern. Schüler brauchen heute vor allem drei Dinge: ein Tablet, ihre Sportsachen und das Schulbrot.“ Direkt mit der Staatsministerin gesprochen hatten die Redakteure der FAZ aber nicht. Sie bezogen sich vielmehr auf ein Interview mit der Bild am Sonntag (BamS). Da auch dieses am Vorabend nur wenige Minuten vor Mitternacht online publiziert wurde, war weiterhin unklar, ob es galt, die Nachricht ernst zu nehmen oder sie für einen Scherz zu halten. Dass Bär Dampf machen soll bei der Digitalisierung der Nation, hat vermutlich jeder mitbekommen, der die Regierungsbildung verfolgt hat. Dass dabei aber die Ranzen auf der Strecke bleiben sollen, hatte bisher aus keiner Zeile des Koalitionsvertrags hervorgelugt. Und die Botschaft hat die Aufgeweckten unter den Herstellern von Schulranzen alarmiert. Immerhin wurden mit Schulranzen und -rucksäcken nach Berechnungen des Instituts für Handelsforschung (IFH) im Jahr 2016 knapp 200 Millionen Euro umgesetzt. Die Branche ist in den fünf Jahren davor um gut 40 Prozent gewachsen – und dem Vernehmen nach hat die Branche auch in 2017 noch einmal kräftig zugelegt. 

Doch was ist an der Geschichte dran? War es ein Aprilscherz der Kollegen aus Frankfurt oder müssen sich die Hersteller von Schulgepäck auf Gegenwind und sinkende Umsätze gefasst machen? Wir haben dazu bei der Staatsministerin Dorothee Bär nachgefragt und den Anlass genutzt, parallel einmal bei den wichtigsten Herstellern aus der Branche nachzufassen. 

Nachgefragt im Kanzleramt

Mit unserem ersten Anruf im Bundeskanzleramt, dem Dienstsitz der Staatsministerin Bär, wandten wir uns an den persönlichen Referenten Benedict Janich, der Bär als engster Mitarbeiter gut kennt, denn er managt seit mehreren Jahren als Büroleiter ihren Alltag. Janich gab gleich Entwarnung: Eine Abschaffung der Schulranzen habe die Staatsministerin nicht gefordert, das Zitat über die zu schweren Schulranzen ist aber zutreffend. Nur die Zuspitzung der FAZ schieße übers Ziel hinaus. Die Nachfrage lässt also aufatmen und es kann offiziell Entwarnung vor einem vermeintlichen Angriff auf das Geschäft mit Schulranzen gegeben werden. Doch dass die Tornister der Kleinen an so manchen Tagen zu einer schweren Last werden, macht viele Eltern besorgt. Wie dem nicht zuletzt durch mehr Digitalisierung entgegengewirkt werden kann, haben wir dann auch noch bei der Staatsministerin nachfragen können.

Childhood Business: Frau Staatsministerin Bär, anders als die FAZ meldete, wollen Sie Schulranzen keineswegs abschaffen, aber Sie bemängeln sie als zu schwer. Schwere Atlanten ließen sich durch Tablets ersetzen. Würden Sie gern sämtliche Schulbücher digitalisieren oder gibt es Lektüre, die auch künftig Platz im Ranzen behalten sollte?

Dorothee Bär: Grundsätzlich sind Schulbücher ja keine „Schmöker“, in denen man gern mal in einer freien Minute blättert. Die allermeisten Fachbücher sehe ich deshalb als gut zu digitalisieren an. Aber bei etwas wie Reclam-Heften mit Klassikern der Weltliteratur würde ich auch als Mutter schwer beladener Kinder mit mir reden lassen. Da doodelt es sich besser drauf.

CB: „Jedem Kind ein Tablet“ führt schnell zu der Frage: Wer soll das bezahlen?

DB: Die Kosten sehe ich nicht als Argument, das ist eine Frage der Prioritäten. Wir investieren mit dem Digitalpakt Deutschland nun erst einmal fünf Milliarden Euro in die Digitalisierung der Schulen. Das ist gut angelegt, denn wir investieren in unser aller Zukunft. Und gedruckte Schulbücher kosten ja auch Geld.

CB: So bequem ein Tablet dicke Schwarten digital ersetzen könnte, so sehr entwöhnt es Kinder schon von klein auf davon, dass gute Bücher, Zeitungen und andere gedruckte Medien mehr sind als ein digitales Nachschlagewerk. Läuft die Forderung nach mehr Digitalkompetenz einer guten Medienkompetenz zuwider?

DB: Das ist mir zu sehr im Entweder-oder verhaftet. Es spricht viel dafür, dass Kinder im Unterricht auch mit Zeitungen arbeiten. Und dass sie gute Bücher lesen sollten, ist doch selbstverständlich. Aber wir tun immer so, als würde das eine das andere ausschließen. Ich plädiere für ein Sowohl-als-auch. Das entspricht auch mehr der Lebensrealität der meisten Menschen. Auf Reisen oder auf dem Weg zur Arbeit liest man auf dem E-Reader oder dem Smartphone und zu Hause auf dem Sofa eben lieber das gedruckte Buch oder den Bildband.

CB: Was gehört für Sie in den Schulranzen eines jeden Schulkinds?

DB: Tablet, Pausenbrot und Sportzeug. Und ein Mäppchen – da sollte neben einem Füller und den Buntstiften aber auch ein Stylus für das Tablet drin sein. 

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Cover der Ausgabe, aus dem der Beitrag stammt. Der eben gelesene Beitrag
Dorothee Bär: „Ranzen gehören nicht abgeschafft“
erschien in der gedruckten Ausgabe 04-05 / 2018 von Childhood Business vom 11.01.2018 auf Seite 52

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