Wenn große Messen wie die Playtime Paris oder die Pitti Bimbo im Sommer 2020, bedingt durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie, ihre Ausrichtung absagen, dann fehlen der Branche die Bühnen für das halbjährliche und seit Jahrzehnten eingespielte Ordergeschehen.

Wer als Veranstalter hier bereits in den letzten Jahren in neue digitale Messeplätze investiert hat, könnte davon profitieren, den Ausstellern wie Fachbesuchern eine elektronische Alternative zur Verfügung zu stellen. Doch bis dato kann kaum ein Messeveranstalter – zumindest im Kids-Bereich – belastbare Nutzungszahlen vorweisen. Wer die Praxis zahlreicher Veranstalter kennt, die Besucherzahlen ihrer Shows in Dimensionen zu kommunizieren, die den eigenen Eindrücken vor Ort nicht standhalten, der wird auch bei den für die Online-Plattformen kolportierten Daten umso weniger Vertrauen schenken können.

Digitale Angebote, die bisher mit den in der Branche traditionell verankerten Order-Events konkurrieren mussten, können im Sommer 2020 zeigen, ob sie in der Lage sind, Hersteller wie Einkäufer im KOB-Segment von den Vorzügen eines elektronischen Marktplatzes zu überzeugen.

Auch die Messeveranstalter müssen jetzt über den eigenen Schatten springen. Denn bisher haben sie die Angebote zwar selbst geschaffen, sie aber zugleich mit ihrem herkömmlichen Geschäftsmodell abgestimmt. Keine der Messen will die zwei Mal im Jahr teuer abgerechneten Quadratmeter und ebenso üppig zu berappenden Zusatzleistungen gegen einen digitalen und bisher noch deutlich günstigere Online-Messeplatz eintauschen.

Selbst wenn traditionelle Player wie Messeausrichter eventuell zu zögerlich sein könnten, um sich nicht selbst zu kanalisieren, hat sich in den letzten Jahren in zahlreichen Branchen gezeigt, dass Dritte ins Geschehen eingreifen, um beherzt ein eingefahrenes und lukratives Setting unter Druck zu bringen. Losgelöst von Altlasten und fokussiert auf digitale Prozesse, Tools und mit der Konzentration auf das Wesentliche eines Geschäfts sind so schon viele Branchen kräftig neu durchmischt worden.

So ist im September 2015 Pernille Geneser mit Fashiontrade.com angetreten, das Ordergeschehen der Modebranche zu digitalisieren. Der Kids-Bereich wurde dabei sogar ganz gezielt angesprochen, dachte das damalige Management, man könne mit der „kleinen Mode“ üben und die große umso besser erobern.

Immerhin wurden Investoren wie Bestseller und Zalando auf die Plattform aufmerksam und investierten kräftig. Dennoch hat das viele Geld nicht geholfen. Das Modell konnte nicht überzeugen und so ist Fashiontrade.com heute bereits eingestellt und damit Geschichte.

Der Erfolg von Plattform mit digitalen Showrooms wird nicht allein von der Anbieterseite gesteuert. Vielmehr kommt es am Ende auf die Akzeptanz der Einkäufer ein. Und die tun sich aus ganz unterschiedlichen Gründen schwer mit den digitalen Angeboten. Hier konkurrieren lieb gewonnene Traditionen, der Vorzug des persönlichen Austauschs, der Wunsch, Ware anfassen zu können und auch die etwas technikferne Haltung vieler, meist langjährig erfahrener Einkäufer mit der Herausforderung, durch digitale Angebote deutlich Vorteile – und zwar für den Einkäufer – anbieten zu können.

Daher darf man gespannt sein, wie sich in diesem Sommer die Angebote der Messe schlagen werden. Plattformen bieten die folgenden Veranstaltungen an:

  • Pitti mit Pitti Connect (Infos hier)
  • Playtime mit Playtime Online (Anmeldung hier)
  • CBM Children’s Club (Anmeldung hier)
  • Harrogate International Nursery Fair (verschoben von März auf Oktober, bietet eine digitale Preview)

Allen Angeboten ist eines gemein: Jenseits der Ankündigungen lassen sich die Angebote der unterschiedlichen Messen bis heute noch nicht – redaktionell – testen. Während Events öffentliche Orte sind, mangelt es den digitalen Plattform schon am Grundverständnis, dass auch eine elektronische Messe nicht nur Ein- und Verkäufer gegenüber offen sein darf.

Wer sein Angebot einer Sichtung und Einschätzung von Dritten entzieht, wird von dieser Seite weder Kritik noch Unterstützung erwarten können. Einer der Vorzüge einer Messeteilnahme ist es, als Hersteller von Multiplikatoren entdeckt zu werden. Um diesen Vorzug beraubt, wird Mode zur reinen Ware. Hier haben alle Plattformen nachzuarbeiten.