Immer auch ein Event: Wer die Pitti Bimbo kennt, weiß um das umfangreiche, wenn auch nicht immer durchschaubare Rahmenprogramm. Auch auf Pitti Connect wird es daher bunt.
Immer auch ein Event: Wer die Pitti Bimbo kennt, weiß um das umfangreiche, wenn auch nicht immer durchschaubare Rahmenprogramm. Auch auf Pitti Connect wird es daher bunt.

Analoge Messen suchen im Corona-Sommer 2020 die Flucht in digitale Plattformen. Childhood Business stellt drei Angebote für den KIKO-Bereich vor. Wenn große Messen wie die Kind + Jugend, die Pitti Bimbo, Playtime Paris oder CIFF Youth im Sommer 2020, bedingt durch die vielfältigen Auswirkungen der Corona-Pandemie, ihre Ausrichtung absagen, dann fehlen der gesamten Branche die Bühnen für das halbjährliche und seit Jahrzehnten eingespielte Order­geschehen.

Am unmittelbarsten sind natürlich die Veranstalter betroffen, denen die Einnahmen der Aussteller entgehen und auch jene der Fachbesucher, dort, wo die Messen, wie zum Beispiel in Florenz, Eintritt verlangen. Da das Vermieten von Quadratmetern, Services und sonstigen Zusatzleistungen zum Kerngeschäft einer Messegesellschaft gehört, aber auch bei den Fashion-Centern als zusätzliche Einnahme in den Planetats steht, fehlen die ausfallenden Umsätze, während die Kosten für Miete und Personal weiterlaufen. Anders als bei Herstellern und Händlern haben sie keine Online-Shops, die zumindest Teile der Umsatzausfälle kompensieren könnten. 

Aber auch Hersteller und Handel sind betroffen. Denn ihnen fehlen nun die Orte, an denen man bisher Saison für Saison alle relevanten Partner treffen konnte. Das war nicht nur angenehm, sondern auch bequem – und sehr effizient. Jetzt stehen alle vor der Aufgabe, die ausfallenden Gelegenheiten zum Austausch und natürlich auch zum Ordern zu kompensieren. Nicht, dass man nicht auch bisher Einzeltermine, Showroom-Verabredungen und Fahrten zu Kunden realisierte. Doch nun fehlen eben all jene sonst auf Messen und Ordertagen stattfindenden Gespräche. Manches droht daher außer Blick zu geraten, muss zeitlich zusätzlich koordiniert werden und der allseits willkommene Kollege Zufall, der sitzt in diesem Sommer nicht mehr mit am Tisch. Hersteller, die bereits einen B2B-Shop betreiben oder eine digitale Showroom-Lösung haben, werden sich jenseits individueller Kundenvorlagen zu helfen wissen. Doch wer hier noch nicht ausgerüstet ist, hat das Nachsehen. Übrigens: Nicht jede Fahrt zu kleinen Kunden lohnt sich. Das ist diesen oft nicht bewusst. Doch in diesem Jahr wird sich zeigen, wie viel Geschäft damit auf der Straße liegen bleibt. Aber auch, wer sich als Einkäufer in 2020 vielleicht sogar darum kümmern muss, bei kleinen Limiten nicht aus dem Blickfeld zu geraten. 

Digitale Messen

Wie gehen die Messen mit der Situation um? Wer als Veranstalter in den letzten Jahren bereits in digitale Messeplätze investiert hat, könnte davon profitieren, den Ausstellern wie Fachbesuchern eine elektronische Alternative zur Verfügung zu stellen. Doch bis dato kann kaum ein Messeveranstalter – zumindest im Kids-Bereich – belastbare Registrierungs- oder konkreter noch Nutzungsdaten vorweisen. Wer zudem die Praxis zahlreicher Veranstalter kennt, die Besucherzahlen ihrer Shows in Dimensionen zu kommunizieren, die den eigenen Eindrücken vor Ort nicht immer standhalten, der wird auch den für die neuen Online-Plattformen kolportierten Zahlen nur begrenzt Vertrauen schenken können. 

Veranstalter hadern ganz allgemein mit elektronischen Messen. Denn Aspekte wie der direkte Austausch, die Möglichkeit zum Griff in die Ware oder der Aufbau einer persönlichen Bindung entfallen bei den mehr oder weniger anonymen Selbstbedienungs-Softwares. Dirk P. Goeldner, Center-Manager der Euromoda, der auch als Präsident der Centralvereinigung Deutscher Wirtschaftsverbände für Handelsvermittlung und Vertrieb (CDH) wirkt und selbst lange Jahre eine Handelsagentur für Kindermode betrieb, sieht weitere, ganz praktische Aspekte, die gelegentlich in der allgemeinen Digitaleuphorie außer Acht gelassen werden. Für ihn ist Mode menschlich. Es geht um Emotionen, Geschmack, Gespür und Gefallen. Ganz zentral sind natürlich auch Farben und Stoffe. All das lässt sich digital nicht vermitteln. Während einem unmittelbar einleuchtet, dass man Stoffe am Monitor nicht befühlen kann, muss man sich gerade in unserer ansonsten so kunterbunten Welt ins Bewusstsein rufen, dass Farben am Monitor nie verbindlich darstellbar sind. Da kann ein Gelb in Wahrheit orange sein. Und während Verbraucher es gewohnt sind, Ware bei Nichtgefallen zurücksenden zu können, ist das im B2B-Bereich mitnichten der Fall. 

Digitale Angebote, die bisher mit den in der Branche traditionell verankerten Orderevents konkurrieren mussten, können im Sommer 2020 zeigen, ob sie in der Lage sind, Hersteller wie Einkäufer im KOB-Segment von den Vorzügen eines elektronischen Marktplatzes zu überzeugen.

Auch die Messeveranstalter müssen jetzt über den eigenen Schatten springen. Denn bisher haben sie die Angebote im besten Fall selbst geschaffen, sie aber zugleich mit ihrem herkömmlichen Geschäftsmodell abgestimmt. Keine der Messen will die zweimal im Jahr teuer abgerechneten Quadratmeter und ebenso üppig zu berappenden Zusatzleistungen gegen einen digitalen und bisher noch deutlich günstigeren Online-Messeplatz eintauschen.

Selbst wenn traditionelle Player wie Messeausrichter eventuell zu zögerlich sein könnten, um sich nicht selbst zu kannibalisieren, hat sich in den letzten Jahren in zahlreichen Branchen gezeigt, dass Dritte ins Geschehen eingreifen, um beherzt ein eingefahrenes und lukratives Setting unter Druck zu bringen. Losgelöst von Altlasten und fokussiert auf digitale Prozesse, Tools und mit der Konzentration auf das Wesentliche eines Geschäfts sind schon viele Branchen kräftig neu durchgemischt worden.

So ist im September 2015 Pernille Geneser mit Fashiontrade.com angetreten, das Ordergeschehen der Modebranche zu digitalisieren. Der Kids-Bereich wurde dabei sogar ganz gezielt angesprochen, dachte das damalige Management, man könne mit der „kleinen Mode“ üben und die große umso besser erobern. Immerhin wurden Investoren wie Bestseller und Zalando auf die Plattform aufmerksam und investierten kräftig. Dennoch hat das viele Geld nicht geholfen. Das Modell konnte nicht überzeugen und so ist Fashiontrade.com mittlerweile eingestellt und damit bereits Geschichte.

Drei Angebote 

Drei der Veranstalter von Kindermode-­Orderevents wagen in diesem Sommer den digitalen Schritt nach vorn. Die Pitti Immagine bietet mit Pitti Connect eine Showroom-, Order- und Eventplattform, die man bereits seit Jahren offeriert, der in diesem Sommer aber erstmals eine zentrale Bedeutung zukommt. Mit der Absage sämtlicher Messen in Florenz rückte man Pitti Connect in den Vordergrund. Und die Plattform wird laut Agostino Poletto, General Manager der Pitti Immagine, ab dem 16. Juli 2020 das neue Online-Gesicht der Messen werden. Bis zum 9. Oktober sind die digitalen Sondermessen online, auf denen man die S/S-2021-Kollektionen der Marken entdecken und analysieren kann. „Pitti Connect wird auch ein redaktionelles Format haben, das reich an Inhalten und Sonderveranstaltungen ist“, fügt Lapo Cianchi, Direktor für Kommunikation und Sonderveranstaltungen bei der Pitti Immagine, hinzu. Aus dem Kids-Bereich sind unter anderem Atlanta Mocassin, Baby Gi, Balloon Chic, Blauer, Caramel, Colors of California, Conguitos, Dixie Girl, EMC, Eshvikids, Fracomina Mini, Fun & Fun, Hevea, Infantium Victoria, Jeune Premier, Les Lutins, Minibanda, Monnalisa, Naturino, Pasito a Pasito, Petit Bateau, Please Kids, Ria Menorca, Rosalita Señoritas, Sarabanda, Soft Gallery, Stefania, Tutto Piccolo, UBS2, Walking Mum und Zaccone mit ­dabei.

Die Playtime-Serie kann auf einen bereits seit mehreren Jahren betriebenen digitalen Messe­marktplatz zurückgreifen. Gestartet unter dem Kunstbegriff Playologie, dann in Playtime Online umbenannt und aktuell als B2B-Marktplatz Iloveplaytime firmierend, bietet der Veranstalter digitale Showrooms an.

 Aktuelle Zahlen über verifizierte Einkäufer auf der Plattform gibt es nicht. Man stellt lediglich bis zu 4.000 Käufer „bis zum Ende des Jahres“ in Aussicht. Preise für Showroom-Pakete rangieren von 1.200 Euro bis 2.900 Euro pro Jahr (2020 um 50 Prozent reduziert). 

Inzwischen haben auch die CIFF und mit ihr die CIFF Youth ihren Ausstellern eine digitale Alternative angetragen. Diese entwickelte der Veranstalter aber nicht selbst, sondern verweist dazu lediglich auf das dänische Start-up Traede.com, das digitale Showrooms anbietet. Immerhin ist das reine Show­rooming mit einem kostenlosen Starter-Paket nutzbar. Sobald es aber ans Eingemachte gehen soll und Händler etwas ordern wollen, braucht es ein Upgrade. Kostenpunkt: rund 6.500 Euro. 


Cover der Ausgabe, aus dem der Beitrag stammt. Der eben gelesene Beitrag
Digitale Orderplattformen
erschien in der gedruckten Ausgabe 07-08 / 2020 von Childhood Business vom 21.07.2020 auf Seite 92

Hier geht es zu ausgewählten Beiträgen aus der Ausgabe. Nicht alle Inhalte sind Online zu lesen. Die komplette Ausgabe können Sie im Shop hier bestellen.