Prüfsiegel, Testsieger oder Prädikate sollen Händler wie Verbraucher vor dem Kauf minderwertiger Produkte schützen. Der halbjährliche Test von Kindersitzen steht besonders hoch im Kurs.

Den Testergebnissen, die der ADAC wie auch die Stiftung Warentest veröffentlichen, werden von den deutschen Verbrauchern eine hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben. Dabei herrscht der­ Eindruck vor, dass den unabhängig voneinander vorgestellten Ergebnissen auch unterschiedliche Tests zugrunde liegen. Tatsächlich schöpfen die Organisationen ihr Wissen aber oft aus ein und derselben Quelle, was auch bei den Tests für die Autokindersitze der Fall ist.

Wenn Andreas Ratzek die Resultate seiner Arbeit präsentiert, kann das für die Kinderausstattungsbranche spürbare Konsequenzen haben – positiv wie auch negativ. Im ADAC-Technikzentrum Landsberg am Lech, kurz TZLL, ist der 42jährige Maschinenbauingenieur mittlerweile seit zwölf Jahren für den alljährlichen Vergleichstest von Autokindersitzen verantwortlich. Um herauszufinden, ob die aktuellen Modelle unterschiedlichster Hersteller den nötigen Anforderungen entsprechen, lässt Ratzek im Sitz festgeschnallte und mit Sensoren gespickte „Dummies“ samt Auto gegen Barrieren krachen oder analysiert, ob die Bestandteile der Sitzkonstruktion unerlaubt hohe Mengen gesundheitsgefährdender Substanzen enthalten.

Bereitet ein Kindersitz dem ADAC-Test nach Probleme, so erfährt der betroffene Hersteller das schon vor Veröffentlichung der Ergebnisse und kann den Ursachen auf den Grund gehen und eine Stellungnahme abgeben.

Fehler, die nicht einmal der Hersteller kennt

Selbst renommierte Kindersitzmarken sind vor unangenehmen Überraschungen nicht gefeit: „Die Komponenten eines Sitzes stammen oft von unterschiedlichen Zulieferern aus allen Teilen der Welt“, erklärt Ratzek. Üblicherweise sind diese Zulieferer vertraglich verpflichtet, die Qualitätsvorgaben des Auftraggebers punktgenau zu erfüllen.

Angesichts der großen Mengen an zugelieferten Komponenten ist es in der Praxis aber kaum möglich, jedes einzelne Teil vor der Montage noch einmal unter die sprichwörtliche Lupe zu nehmen. Bei Sitzbezügen zum Beispiel analysieren die Hersteller des Endproduktes in Stichproben das Material auf Schadstoffe, und wenn die Ergebnisse keine Pro­bleme erkennen lassen, geht die Lieferung in den Montageprozess. Später landet dann einer der fertigen Sitze, irgendwo anonym im Handel eingekauft, im ADAC-Testzentrum – und Ratzek stellt möglicherweise Schadstoffe fest, die jenseits der geltenden Höchstmengen liegen. Der Hersteller muss dabei nicht unbedingt etwas falsch gemacht haben: „Es kann passieren, dass die Stichproben zwar unauffällig sind, aber eine ungeprüfte Charge der Lieferung eben nicht“, so Ratzek. Der Hersteller kann sich dann dazu äußern und die Stellungnahme wird in das veröffentlichte Testergebnis aufgenommen – als klein gedruckter Hinweis am Ende des Testberichts.

Eine negative ADAC-Beurteilung kann für Hersteller und Händler zu Umsatzeinbußen führen, während Bewertungen wie „gut“ oder „sehr gut“ von den Anbietern gerne als verkaufsförderndes Argument plakativ eingesetzt werden. Klebt auf demselben Autokindersitz dann neben dem ADAC-Sticker auch noch eine gleichlautende Beurteilung der Stiftung Warentest, dann wird das doppelt getestet und für gut befunden wahrgenommen.

Ein Test und bis zu vier Siegel

Manche Anbieter werben gar mit bis zu vier Testsiegeln mit gleichlautender Bewertung, aber jeweils von einer anderen Organisation, die aber alle auf dem gleichen Test basieren. Denn was Ratzek und sein Team herausfinden, schlägt sich nicht nur im halbjährlichen Kindersitztest des ADAC nieder. Die Resultate aus dem bayrischen Landsberg am Lech bilden auch die Basis für den Kindersitztest der in Berlin ansässigen Stiftung Warentest und werden – wenn auch zeitgleich – ganz unabhängig und ohne deutlichen Verweis aufeinander veröffentlicht. Darüber hinaus bedienen sich auch die Automobilclubs Österreichs und der Schweiz der ADAC-Messungen.

Ein Test, aber bis zu vier Gütesiegel

Mehrfach „gut“ oder „sehr gut“ bewertet, aber nur einmal getestet – für Fachhändler und Verbraucher ist der Zusammenhang nur schwer zu erkennen und erschließt sich allenfalls nach einer gezielten Recherche im Internet. Also eine besondere Art von „Etikettenschwindel“? Ganz und gar nicht, findet Heike van Laak, Abteilungsleiterin Kommunikation bei der Stiftung Warentest in Berlin: „In der Vergangenheit hat jeder vor sich hin getestet. Es gab keine einheitlichen Prüfprogramme und die Bewertungen fielen für das gleiche Produkt teils sehr unterschiedlich aus. Außerdem sind solche Tests sehr aufwendig und teuer.

Gerade kleinere Organisationen aus dem Verbraucherschutz können sich das kaum leisten.“ Aus diesem Grund hätten sich spezialisierte Testlabore wie das ADAC-Technikzentrum und Verbraucherorganisationen aus zahlreichen anderen Ländern zusammengetan, einheitliche Kriterien für den Produkttest entwickelt und dafür gesorgt, dass der Verbraucher nicht mehr verwirrt wird.

Austausch mit den Herstellern 

Auch mit den Herstellern von Autokindersitzen pflegen Stiftung Warentest und ADAC einen kontinuierlichen Informationsaustausch, diskutieren über Kriterien der Produktprüfung und anstehende Gesetzesänderungen, die sich darauf auswirken können –während die Stiftung Warentest auf der eigenen Website erklärt: „Die Produktuntersuchungen fin­den­ in unabhängigen Laboren statt, die von der Stiftung Warentest beauftragt werden. Um welches Prüfinstitut es sich im Einzelnen handelt, bleibt geheim: Denn die Institute sollen ihre Testarbeit machen, ohne von den Anbietern beeinflusst zu werden.“

Wie auch immer – zu diskutieren gibt es in der Tat einiges: Schadstoffgrenzwerte werden immer wieder mal verändert oder Substanzen plötzlich als „kritisch“ eingestuft. Und auch die bislang gültige Zulassungsrichtlinie für Autokindersitze, ECE-R 44 genannt, soll auf absehbare Zeit durch die bereits parallel geltende Richtlinie ECE-R 129 suksessive abgelöst werden. Aus alledem ergeben sich kontinuierlich neue Anforderungen an die Hersteller, aber eben auch an unabhängige Testlabore und Verbraucherschützer.

Mit den Siegeln wird Geld verdient

Von dem Zusammenspiel profitieren –zumindest im Falle guter Testergebnis­se – alle Beteiligten. Denn durch das Ver­trauen auf die Testergebnisse unterstützen diese den Abverkauf im Handel. Für viele Verbraucher ist ein Testsiegel am Produkt der Begierde ein zusätzliches Entscheidungsargument. Dennoch sind Fachhändler und Käufer über die gleiche Testbasis der von unterschiedlichen Organisationen vergebenen Siegel in der Regel wenig informiert.

Heike van Laak von der Stiftung Warentest gibt zu, dass diese Situation „vielleicht nicht ideal“ ist, eine mögliche Lösung wie eine „gemeinsame Testplakette“ auf dem Kindersitz sei aber kaum realisierbar. Nicht zuletzt sind die Siegel eine willkommene Einnahmequelle. Während Hersteller beim ADAC für die Nutzung des Siegels lediglich einmalig 490 Euro bezahlen müssen, sind es bei der Stiftung Warentest je nach Nutzungsdauer mindestens 7.000 Euro – und das pro Jahr. (lr) 

CB2016_07 Ein Test, vier Siegel infobox S.73