Unbeschwerte Bettruhe:<br /> Spezialisten wie Alvi, Träumeland oder Zöllner entwickeln sichere, komfortable und für einen geruhsamen Schlaf sorgende Matratzen. Doch die Stiftung Warentest hat jüngst vor Produkten etablierter Anbieter gewarnt.<br /> Foto: Mallmo/AdobeStock
Unbeschwerte Bettruhe: Spezialisten wie Alvi, Träumeland oder Zöllner entwickeln sichere, komfortable und für einen geruhsamen Schlaf sorgende Matratzen. Doch die Stiftung Warentest hat jüngst vor Produkten etablierter Anbieter gewarnt.
Foto: Mallmo/AdobeStock

Die Kugel hat gesessen. Eine Din-Norm sorgt mit einem neuen Testverfahren für Kindermatratzen für schlechte Noten. Zurecht? Childhood Business hat bei Herstellern nachgefragt.

Ein bisschen hatte es uns schon überrascht. Als die Ergebnisse der Stiftung Warentest zu Kindermatratzen herauskamen, schnitten gerade die Spezialisten für die Erstausstattung, darunter Alvi, Pinolino, Träumeland und Julius Zöllner nicht nur schlecht ab. Sie erhielten gar die Note „Mangelhaft“. Zu den Abgestraften gehörten auch noch MFO Matratzen und Waschbär. Die empfohlenen Matratzen stammten hingegen von IKEA oder vom Dänischen Bettenlager, also von gern der mittelmäßigen Qualität bezichtigten Großunternehmen, die mehr auf Masse denn auf Klasse setzen würden. Wer die Akzeptanz der Stiftung Warentest bei vielen Verbrauchern kennt, den wundert nicht, dass nahezu sämtliche Hersteller umgehend die Abstellung der kritisierten Problembereiche versprachen. Pinolino hat sogar das gesamte Matratzenprogramm zurückgezogen und will es in 2019 neu aufstellen. Kann sich das Münsteraner Unternehmen vielleicht noch dadurch einer gezielten Nachfrage, was denn da passiert sei, entziehen, weil es eigentlich ein Möbelhersteller sei, der Matratzen „nur“ zukauft, müssten die Spezialisten eigentlich Rede und Antwort stehen. 

Doch erstaunlicherweise blieben die meisten der angefragten Hersteller eine Antwort schuldig. Umso mehr sticht positiv heraus, dass sich Alvi wie Träumeland umgehend bereit erklärten, die Testergebnisse zu diskutieren. Für sie gilt, in guten wie in schlechten Zeiten Ansprechpartner des Marktes zu sein. Auch wenn die Ergebnisse für beide Häuser gewissermaßen bereits obsolet seien, wie sie erklärten, da sie verbesserte Modelle nachgeschoben haben beziehungsweise da von der Stiftung Warentest nicht geprüfte Produkte einem Test erfolgreich bestehen würden, so muss über die Problemlage aufgeklärt werden, um die Ergebnisse einordnen zu können. 

Von der Kugel erfasst

Was also ist passiert? Jahrelang wurden Matratzen hin auf Komfort, ein optimales Schlafklima und eine gute Durchlüftung durch immer ausgeklügeltere Luftschlitzschnitte oder Abstandsgewirke entwickelt. Seit dem Herbst 2017 gibt es ein neue Din-Norm EN 16890 für sicherheitstechnische Anforderungen und Prüfverfahren von Kindermatratzen. Im Mittelpunkt von Norm und Test steht stehen eine Kugel und Schablone. Mit dem sogenannten „Kugeltest“ wird die Härte einer Matratze geprüft und will ermitteln, ob Kleinkinder, die sich auf den Bauch drehen, gegebenenfalls an einer zu hohen Ansammlung kohlendioxidreicher Ausatemluft ersticken könnte. So ist eben der Test heißt es auf der einen, unzureichende auf der anderen Seite. 

Die Testergebnisse können die spezialisierten Hersteller von Matratzen für Kinder nicht kaltgelassen haben. Daher haben wir alle relevanten Hersteller des Segments angesprochen, aber nur Repräsentanten von Alvi und Träumeland haben uns Rede und Antwort gestanden. Zu den Fragen zählten: Haben die Hersteller am Markt vorbei entwickelt? Und: Gibt es Kritik an der Stiftung Warentest (StiWa)? 


Childhood Business: Die Stiftung Warentest empfiehlt in ihrer Zeitschrift test, Ausgabe 10/2018, Kindermatratzen von IKEA und dem Dänischen Bettenlager. Haben die spezialisierten Hersteller der Babybranche ausgedient?

Klaus Blümel, Vertriebsleiter von Alvi, gilt als erfahrener und in der Sache sehr engagierter Experte im Bereich der Kindermatratzen.
Klaus Blümel, Vertriebsleiter von Alvi, gilt als erfahrener und in der Sache sehr engagierter Experte im Bereich der Kindermatratzen.

Klaus Blümel: Nein, warum sollte das der Fall sein? In der DIN-Norm sind lediglich einfachste Matratzen mit reiner Schlaffunktion abgebildet. CO2-Durchlässigkeit oder Be- und Entlüftung spielen hier keine Rolle. Das geht übrigens voll an der Empfehlung von Fachleuten wie Ärzten und Hebammen vorbei.

CB: Die meisten Hersteller der kritisierten Babymatratzen haben angekündigt, die Modelle vom Markt zu nehmen oder zumindest künftig anzupassen und härter auszustatten. Kommt darin eine Resignation vor Norm und Warentestern zum Ausdruck?

KB: Nein. Wir resignieren auch nicht, sondern wir machen uns jetzt und in Zukunft die notwendigen Gedanken, um den Kleinsten dieser Welt die bestmögliche Matratze und Schlafumgebung zu bieten. Es gibt auch gar keinen Grund zur Resignation. Wenn man die einzelnen Matratzen und deren Bestandteile vergleicht, hätte man vielleicht Schaum – mit und ohne Konturschnitte –, Latex und Kokos unterscheiden müssen. Jedes Produkt für sich hat eine eigene DNA. Doch Tests spiegeln dies selten für alle Artikel passend wider. Da wird in medienwirksamen Worten gerne auch in unausgewogenem Verhältnis über „Gewinner“ und „Verlierer“ berichtet. 

CB: Die generelle Kritik der Warentester lautet, dass Matratzen für Babys oft zu weich sind. Haben Sie an der optimalen Matratze vorbei entwickelt?

KB: Sicherlich nicht. Bei der Entwicklung der Matratzen steht das Kindeswohl immer an erster Stelle. Nur findet sich diese in der DIN-Norm gar nicht wieder. 

CB: Gibt es gute Argumente für die bestehenden, aber kritisierten Modelle?

KB: Um die DIN-Norm zu erfüllen, kann ich den leichtesten Schaum nehmen und den Kugeltest bestehen. Selbst unsere einfache Vliesmatratze für Stubenwagen schafft das. Bei Kinderbettmatratzen steht unter anderem die Belüftung stark im Fokus. Tests haben ergeben, dass Kinder auf gut belüfteten Matratzen wesentlich ruhiger und damit erholsamer schlafen. Was die Einsinktiefe angeht, wurde bis zum Kugeltest mit einem Gewicht und einer Zentimeterskala gemessen. Hier hatte man klare Vorgaben. Der Test ist sehr aufwendig und nur in speziellen Laboren durchzuführen. 

Neu ist, dass auch der mögliche Verschleiß und die Alterung nachgestellt werden müssen. Der Schaum ist nur ein Teil der Matratze, der Bezug der andere Teil. Bei versteppten Bezügen wird ein luftdurchlässiges Wattevlies eingesetzt. Hier gibt es die verschiedensten Qualitäten. Wattevlies neigt generell dazu, unter Belastung nachzugeben, lässt aber Luft gut durch. Bei unseren neuen, belüfteten Kernen liegt die Belüftung auf der Kernoberfläche. Diese haben wir nicht mit versteppten, sondern mit strukturgestrickten Bezügen ausgestattet. Diese Matratzen haben bei unseren Überprüfungen den Kugeltest bestanden. Dennoch: Leider wird nach der neuen Norm nur die Einsinktiefe gemessen. Eine Überprüfung der Be- und Entlüftung, wie es sinnvoll wäre, ist nicht Bestandteil der DIN-Norm. Bedauerlicherweise gibt es aktuell keine Prüfnorm, bei der die Belange der Be- und Entlüftung mitberücksichtigt werden. Diese Leerstelle ist uns auch vonseiten der Stiftung Warentest bestätigt worden.

CB: DIN-Normen werden unter Beteiligung von Branchenexperten entwickelt. Haben die Hersteller von Kindermatratzen diesen Prozess verschlafen?

KB: Inwieweit die klassischen Babyartikelhersteller vertreten waren, kann ich nicht sagen. Wir selbst sind in einem anderen Ausschuss tätig. 

CB: Die StiWa kritisiert zwei Aspekte: Ein zu tief einsinkendes Köpfchen könne bei einem auf dem Bauch liegenden Baby zum Erstickungstod führen. Und es bestünde die Möglichkeit einer CO2-Ansammlung und damit Erstickungsgefahr. Halten Sie diese Kritik für gerechtfertigt?

KB: Wenn man die Klimatisierung der Matratze mit in die DIN-Norm aufgenommen hätte, gäbe es keine Gefahr einer CO2-Ansammlung. Zudem lässt ein wattierter Bezug ausreichend Luft durch. So verfügt zum Beispiel unsere Matratze „Alvi Max“ über breit und tief angelegte Belüftungskanäle. Die neuen Kriterien sind einfach nicht ganzheitlich ausgelegt. 

CB: Wie schon erwähnt, zeichnen sich Premiummatratzenmodelle durch Lösungen aus, eine Matratze gut zu durchlüften. Sind diese Lösungen wirklich ausreichend sicher, um die erwähnten Kritikpunkte zu eliminieren?

KB: Ja. Wir haben unsere Matratzen der neuen Generation daraufhin ausgerichtet und auch keine Probleme mit der DIN-Norm. Bei der getesteten „Alvi Max“ handelt es sich um eine 16 Jahre alte, aber nach wie vor bewährte Schnitttechnik. Es war die erste Matratze mit Klimakanälen überhaupt. Durch eine geänderte Schaumrezeptur besteht sie auch den Kugeltest.

CB: Inwieweit werden sich Ihre Produkte künftig verändern? Welche Anpassungen werden Sie vornehmen? 

KB: Wir verändern nichts, denn wir sind DIN-gerecht. Da wir nicht nur ein oder zwei verschiedene Matratzen im Sortiment haben, ist die Umsetzung der DIN schon seit Langem ein aktiver Prozess bei uns. Wären neuere Matratzen getestet worden, hätte man uns bei den Siegern gefunden. Die „Alvi Max“ ist nach so vielen Jahren intern ohnehin ein Streichkandidat. Wir haben sie jetzt aber angepasst und schauen, dass sie sich umsatztechnisch erholt. Ansonsten wird sie in der nächsten Kollektion gestrichen.

CB: Welche Reaktionen haben Sie angesichts der Testergebnisse aus dem Handel erfahren? 

KB: Eigentlich gab es erstaunlich wenig Rückmeldungen. Das liegt sicherlich daran, dass die Matratze „Alvi Max“ nur noch eine untergeordnete Rolle im Sortiment spielt. Die neuen Matratzengenerationen entsprechen alle der DIN-Norm. 

Wie Alvi steht auch Träumeland für Premium-Matratzen, beide Unternehmen sind enge Wettbewerber. Seine Einschätzungen fasst Operations Manager Mario Grill in deutliche Worte.

CB: Haben angesichts von Testsiegern wie IKEA und Dänisches Bettenlager die spezialisierten Hersteller der Babybranche ausgedient? 

Mario Grill ist bei Träumeland, dem österreichischen Anbieter von Premium- Kindermatratzen, unter anderem für Regulierungsfragen zuständig.
Mario Grill ist bei Träumeland, dem österreichischen Anbieter von Premium-Kindermatratzen, unter anderem für Regulierungsfragen zuständig.

Mario Grill: Ganz im Gegenteil! Natürlich geht es um die Sicherheit. Aber es geht auch um Liegekomfort, Abtransport des CO2, hochwertige punktelastische Matratzenkerne zur Unterstützung der Wirbelsäule, Feuchtigkeitsmanagement und, nicht zu vergessen, um schadstofffreie Spezialbezüge, Stichwort „Antimon“. Dies sind alles Kompetenzen der spezialisierten Hersteller, zudem bedeutet dies einen Mehrwert im Vergleich zu den Diskontmatratzen.

CB: Die Warentester halten viele Matratzenmodelle für unsicher, fast die Hälfte gar für gefährlich. Ist diese Einschätzung aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?

MG: Natürlich kann das Einsinken des Kopfes in Bauchlage gefährlich werden. Aber hier die Risikobewertung lediglich anhand eines Kugeltests vorzunehmen, geht in Wahrheit am Thema vorbei. Entscheidend ist doch, wie viel Sauerstoff das Baby speziell in der Bauchlage zur Verfügung hat. Entweder schafft man dies mit harten Matratzen oder eben mit hochwertigen Materialien, welche den Abtransport des CO2 gewährleisten und gleichzeitig die Entwicklung des Rückgrats des Babys unterstützen. 

CB: Die StiWa bemängelt, dass viele Matratzen für Babys zu weich seien. Hat die Branche in den letzten Jahren an einer guten Matratze vorbei entwickelt?

MG: Dies sehen wir definitiv anders. In den letzten Jahren haben wir viel in Forschung und Entwicklung investiert. In den hochwertigen Bezügen finden sich nun Spezialfasern wie Tencel. Auch das Thema „Schadstoffe“ haben wir mit der Entwicklung antimonfreier Bezüge in den Fokus gerückt. Bei Matratzenkernen ist es ähnlich. Wir haben mit unseren Herstellern einige neuartige Spezialschäume in unseren neuen Matratzenmodellen zum Einsatz gebracht. Hochwertige, offenporige Kaltschäume mit hohem Raumgewicht, gepaart mit ausgeklügelten Belüftungskanälen, und hochwertige Vliese verbessern erheblich die Luftzirkulation, haben aber einen negativen Einfluss auf den Kugeltest. Bei unseren Produktentwicklungen lassen wir sämtliche Ergebnisse aus unseren internen und externen Tests einfließen. Wir führen bei uns im Haus an unseren Modellen seit der neuen Norm den Kugeltest bereits vorab durch. Darüber hinaus werden bei unseren Matratzen stets Druckmessungen durchgeführt, um den perfekten Liegekomfort für Babys zu erhalten. Ganzheitlich betrachtet wirken sich diese Ergebnisse positiv auf die Entwicklung des Rückgrats des Babys aus und wirken überdies Wärmestaus entgegen. Das Baby wird in jeder Liegeposition bestmöglich mit Sauerstoff versorgt. 

CB: Sind das zu tief einsinkende Köpfchen bei einem auf dem Bauch liegenden Baby und die Möglichkeit einer CO2-Ansammlung gerechtfertigte Kritikansätze? 

MG: Im Grunde stimmt die Kritik. Es muss aber sehr wohl unterschieden werden, ob die Matratze „atmungsaktiv“ ist oder eben nicht. Der Kugeltest testet nur, ob der Kopf zu weit einsinkt. Würde man beispielsweise einen extrem harten Kern mit einem Polyesterbezug testen, würde dieses Modell ohne Probleme den Kugeltest bestehen. Das Ergebnis vermittelt dem Konsumenten lediglich: Hart ist gleich sicher. Genau das ist der Grund, warum wir diese Vorgehensweise sehr kritisch sehen. Materialien wie 3-D-Abstandsgewirke oder hochwertige Tencelvliese verbessern entscheidend die Luftzirkulation, wirken sich jedoch negativ auf den Kugeltest aus. Wir möchten die Benefits dieser Materialien den Kunden nicht vorenthalten. 

CB: Inwieweit werden sich Ihre Produkte künftig verändern? 

MG: Seit Einführung der Norm haben wir alle bestehenden Modelle intern getestet und die wenigen betroffenen Modelle anhand minimaler Änderungen in der Kon­turschnitt­technik beziehungs­weise Klebe­technik adaptiert. Bei allen zukünftigen Modellentwicklungen werden wir Testergebnisse einfließen lassen. Leider wird das Thema sehr einseitig von der Stiftung Warentest behandelt und der Konsument vertraut in der Regel auf die Objektivität der Redaktion. Da würden wir uns wünschen, dass das Thema „Erstickungsgefahr“ ganzheitlicher betrachtet wird. Es gibt einfach mehrere Lösungsansätze – und die Matratze lediglich härter zu machen, ist definitiv der falsche Ansatz.