Jetzt ist es amtlich und für einen Aprilscherz wäre es auch zu makaber: Die Kanz Financial Holding (KFH) hat am 1. April 2020 Insolvenz angemeldet – und zwar gleich für die gesamte Gruppe. Eine kurze Analyse.

Auch für die Tochtergesellschaften Kids Fashion Group (KFG), Junior Brands Group (JBG), Kids Retail Group und S+D sowie Build-a Bear-Deutschland und Kurtz Spielwaren gehen die Lichter aus. Mit dieser nahezu vollständigen Reihe an Insolvenzanmeldungen ist die seit Jahren durch immer größere Verbindlichkeiten belastete Gruppe vermutlich Geschichte.

Lediglich zur Tochtergesellschaft Bellybutton International war noch keine Insolvenzmeldung zu finden.

Wie es um die „nicht zur Gruppe gehörende, sondern nur zufällig mit den Geschäftsführern assoziierte“, in den Niederlanden börsennotierte  – und nicht ganz so zufällig an Bellybutton beteiligte – Firma Kids Brands House bestellt ist, ist nur am stetig fallenden Aktienkurs von 0,28 Euro am 1. April abzulesen. Graue Kapitalmarktexperten haben hier aber auch schon immer wieder Zweifel geäußert.

Auch zum Geschehen in den Auslandstochtergesellschaften, zu denen Idea in Italien, KFG Kids Fashion Group Polska in Polen, KFG in Russland, ECA Eastern Commercial Agencies im Libanon und 3 Plus in Slowenien gehören, war aus dem Unternehmen nichts zu erfahren.

Bis Redaktionsschluss waren die Geschäftsführer Harald Hepperle und Özgür Kemal Bender nicht zu erreichen.

Das Aus der Kanz-Gruppe beendet das branchenweite Rätselraten der letzten Jahre, wann das seit langem hohe Schulden aufbauende, aber am Markt immer wieder nicht lieferfähige Geschäftsmodell zusammenbräche.

Seit Jahren wurden von ständigen bis hin zu massiven Lieferschwierigkeiten berichtet. Kollektionen wurden nur in Teilen und oftmals zu spät ausgeliefert, sodass sich immer mehr Handelskunden abwandten. Zuletzt wurden Showrooms zwangsgeräumt, da die Mieten nicht mehr gezahlt worden sein sollen.

Bereits das Insidern seit Mitte 2017 bekannte, aber über viele Monate noch bis April 2018 geheim gehaltene Ende der Steiff-Lizenz, das in der Folge durch zahlreiche Streitigkeiten ein unrühmliches Scheiden nach sich zog, zeitigte nicht nur einen zweistelligen Umsatzeinbruch, sondern belastete durch den Verlust einträglicher Margen die Ergebnisentwicklung empfindlich.

Kids-Lizenzen mit namhaften Marken wie Marc O’Polo und Tom Tailor ließen Unbedarfte vermuten, dass hier große Umsätze zuwachsen würden. Doch die notorischen Lieferschwierigkeiten einer Marktteilnehmern den Einblick erschwerenden und damit den geschäftsführenden Akteuren offenbar selbst immer weniger steuerbaren verschachtelten Firmengruppe wurden nicht geringer, sondern mit den Lizenzen und ihren zahlreichen Lieferterminen nur noch belastender.

Nach dem Abgang der Marc-O‘Polo-Lizenz in 2019 verwunderte zuletzt noch, wie ahnungslos, verzweifelt oder opportunistisch nach Garantieeinnahmen schielend man bei Esprit die von der Kidiliz marktaustrittsbedingt vorzeitig gekündigte Kids-Lizenz noch im Dezember 2019 nach Pliezhausen vergeben konnte.

Geholfen hat dieser letzte Strohhalm dem Unternehmen nicht. Und nicht nur die hauseigenen, oft lebensverlängernd aus bedrängten Unternehmen übernommene Marken dürften nunmehr endgültig Geschichte sein. Auch Esprit Kids ist inzwischen derartig unter die Räder geraten, dass man die Marke vermutlich ad acta legen kann.

Zu den Marken der Kanz-Gruppe gehören neben Bellybutton und den erwähnten Lizenzen Döll, G. Lehmann, Kanz, Königsmühle, Lemmi, Lief! Lifestyle und Ticket to Heaven. Und wer das Unternehmen schön länger verfolgt, dem klingeln noch weitere Marken wie Energy, Miss SixtyMurphy + Nye, Pampolina sowie Papermoon und Whoopi in den Ohren, die sich immer mehr dadurch auszeichneten, vom Unternehmen oft nach nach ihrem Ende noch etwas länger zitiert zu werden, als dass sie lange zum Unternehmenserfolg beigetragen haben. Da passte es ins Bild, dass auch eine an sich modisch renommierte Geox-Lizenz mehr vermeldet als mit Leben erfüllt wurde.

Erratisch gekaufte, schwache Brands ergaben kein strahlendes Markenuniversum, sondern ein seltsames Sammelsurium, das auch in den eigenen S+D-Stores keine überzeugende Mehr-Marken-Abteilung ermöglichte.

E-Commerce gehörte ebenfalls zu den nie ausgebauten Kompetenzen – und das in den heutigen Zeiten. Da ist nahezu jedes Kids-Fashion-Startup agiler als die Gruppe, die ihren Marken nicht einmal eigene Webauftritte gönnte – wie auch, gab es nicht einmal eine gemeinsamen Shop-Lösung.

Das Abenteuer 4little.de, einem zugekauften Online-Shop, nahm abenteurlich unprofessionelle Wege bis es zum Wegende, vulgo: Aus kam.

Ständige Lieferentäuschungen eines Unternehmens, das zumindest damit prahlte, in der Türkei über eigene Produktionskapazitäten zu verfügen, nicht aber in der Lage war, irgendeine Kollektion verlässlich und vor allem mit einer für ein von einem 150-Millionen-Umsatz träumenden Unternehmen zu erwartenden Verbindlichkeit zu produzieren und auszuliefern – schädigte lange Zeit sein Handelspartner und am Ende nun auch sich selbst.

Vielleicht träumte man am Stammsitz Pliezhausen davon, ein Powerhouse der Kindermode zu schaffen, vergleichbar mit Größen wie der französischen CWF-Gruppe oder der inzwischen chinesischen, aber vormals französischen Kidiliz-Gruppe, und damit eines Tages einen – rettenden – Exit hinzulegen.

Doch nicht zuletzt auch der stetig wachsende und offenbar auch durch Banken im Bundesland mitfinanzierte Schuldenberg bis hin in den mittleren zweistelligen Millionenbereich erlaubte nun nur noch einen Ausweg: den in die Insolvenz.