Dass die Kids Fashion Group, Kanz Financial Holding oder etwas ungenauer: weite Teile der Kindermodegruppe von der Pliezhausener Truppe rund um Harald Hepperle und Kemal Özgür Bender früher oder später Pleite gehen würden, munkelte man in weiten Teilen in der Branche schon seit Jahren. Die Schulden wuchsen immer weiter und umfassten mittlere zweistellige Millionensummen. Zugleich aber ließ sich kaum ein namhafter Einkäufer finden, der nicht über immer neue Lieferschwierigkeiten aus der Unternehmensgruppe zu berichten wusste.

Messeteilnahmen wurden schon länger nicht mehr getätigt, nachdem man früher opulente Aufritte auf der Pitti Bimbo oder auf der Playtime Paris betrieb. Nicht mehr nötig, hatte es geheißen – nicht mehr möglich, hatte man schon damals gedacht.

Zuletzt mussten sogar Showrooms schließen, in denen der Vertrieb der Gruppe seine Order schrieb. In mehreren Modecentern wurden dem Vernehmen nach die Mieten nicht beglichen. Wie wichtig diese Standorte für einen Hersteller von Kindermode aber sind, ließ sich nicht zuletzt daran ablesen, dass man im Sommer 2019 in München klammheimlich als Untermieter, allerdings ohne jeglichen Glanz und Glamour, den Auftrieb zur Supreme Kids abzumelken suchte. Zuvor war man genötigt worden, die Etage im Modecenter als offizieller Mieter zu räumen. Auch hier hatte die Mietmoral nicht einmal mehr den durchaus dehnbaren Usancen der Modebranche gereicht.

Vor knapp drei Monaten zog man dann die Reißleine und nutzte die Corona-Krise als Begründung für die nicht mehr abwendbare Insolvenz großer Teile der Firmengruppe. Andere Tochterunternehmen werkelten weiter – oder waren zumindest so konzipiert worden, dass sie im Fall der lange absehbaren und inzwischen eingetretenen Implosion der baden-württembergischen Konzernträume fürs erste unbeschadet fortbestehen.

Dass am Ende Bellybutton für einen Teil der Gruppe zur neuen Heimat wird, entbietet nicht einer gewissen Ironie. Immerhin übernahm man die Hamburger Firma und Marke, da man sie unter den Fittichen der Kanz-Gruppe wachsen lassen wollte. Synergien in den Bereichen Design, Einkauf und Produktion sowie Vertrieb sollten gehoben werden. Tatsächlich glich sich zumindest die Lieferzuverlässigkeit immer mehr an das im Haus herrschende Niveau an.

Erfreulich war für die Gruppe, dass sich aus den Bellybutton-Lizenzen, darunter solche mit Alvi, Hartan und Paidi – bis heute stete Lizenzerlöse einstellen, eine Stärke, die das alte Bellybutton-Management um Astrid Schulte bereits for der Übernahme erfolgreich entwickelt hatte.

Ebenso erfreute man sich auch noch Jahre nach der Übernahme der Strahlkraft der Gründerinnen, darunter Dana Schweiger, Ursula Karven, Katja Emcke und Annette Bode, die zu erwähnen immer wieder neuen Eingang in Präsentationen und Website in einer Art fanden, als würde die längst ausgeschiedene Führungsriege heute noch ihre Verve in die Marke legen.

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Heute wurde bekannt gegeben, dass es alten Wein in neuen Schläuchen geben soll. Dass es dabei in weiten Teilen um den Retail- und Wholesale-Bereich geht, darf man als interessant bezeichnen. Denn gerade hier hatte man ja den Auslöser zur Insolvenz gesehen. Und nun investiert man erneut in ein Segment, das in den kommenden Monaten, wenn nicht länger, weiterhin unter Druck steht? Man darf also davon ausgehen, dass die Gruppe auch weiterhin unter besonderen Herausforderungen stehen wird.

Um was also geht es jetzt: Laut Insolvenzverwalter Tobias Wahl von Anchor Rechtsanwälte ist eine „übertragenden [sic!] Sanierung“ erfolgt, um die „Geschäftsbetriebe in den Bereichen Retail und Wholesale zu sichern sowie 190 Arbeitsplätze zu erhalten“. Die Spielwarenhäuser von Spielwaren Kurtz werden von der „Bellybutton International GmbH“ übernommen.

Der überwiegende Teil der Sons &Daughters-Filialen (S&D), die mit Schwerpunkt im süddeutschen Raum betrieben werden, geht an die Fashion Accessoires & Bodywear GmbH (Fab). Zudem übernimmt die Fab auch das Wholesale-Geschäft der Kanz-Gruppe und die Markenrechte an den Lifestylemarken Döll, G. Lehmann, Kanz, Königsmühle, Lemmi, Lief! Lifestyle und Ticket To Heaven.

Die Fab vereine, so tönt Wahl überzeugt, „die gesamte Wertschöpfungskette vom Design, den Lifestyle-Marken bis hin zu den Verbrauchern im
Retail und Wholesale.“

Offenbar soll es also weiter wie bisher gehen. Lediglich Kreditgeber dürften in die Röhre gucken, da man bei sogenannten „Asset Deals“ die Teile genau bestimmen kann, die man ins neue Unternehmen übernimmt – während man die Altlasten und Schulden zurücklässt.

Der Insolvenzverwalter wird dann üblicherweise noch ein paar Jahre damit zubringen, Gelder einzutreiben. In der Regel kriegen dann Vermieter, Lieferanten und Modecenter Post. Denn wenn diese die schwierigen Umstände des Unternehmens auch nur ahnten, was schon durch späte Rechnungsausgleiche, Mahntätigkeiten oder gar verabredete Stundungen angenommen werden kann, können Insolvenzverwalter vereinnahmte Rechnungsbeträge zurückfordern.

Wurden auch schon mal Sozialversicherungsbeiträge und Steuern angemahnt, sind in der Regel auch Kranken- und Rentenkassen sowie das Finanzamt in der Pflicht, Beiträge und Steuern an die Insolvenzmasse auszukehren.

Nicht selten werden Gläubiger auch erst einmal auf eine Rückzahlung verklagt, die Kostenrisiken gehen ja zulasten derInsolvenzmasse, wobei de Rechtslage nicht ganz so eindeutig sein muss. Insolvenzverwalter freuen sich, wenn die allgemeine Ungemach die Bereitschaft zu einem Vergleich steigert.

„Ich freue mich sehr, dass wir trotz der extrem schwierigen Ausgangslage und der verschärften Bedingungen aufgrund der Corona-Pandemie eine gute Zukunftslösung für die Kanz Gruppe finden konnten“, sagt Insolvenzverwalter Tobias Wahl. Die Kaufverträge wurden bereits unterzeichnet. Über den Kaufpreis haben die Parteien wie üblich Stillschweigen vereinbart.

Für wieviel – oder wie wenig – Geld die Käufer zuschlagen konnten, bleibt also ungewiss. Wer genau also eine Lösung gefunden oder ermöglich hat, bleibt ebenso unausgesprochen. Und dass alle Gläubiger der Lösung zugestimmt haben, darf man durchaus bezweifeln. Übrigens: Trotz des von Wahl reklamierten Erfolgs kann von vermeintlich und wortreich beendeten Insolvenzen wie bei der Kiki-Kindermodekette schnell auch mal keine Rede mehr sein.

Akteure bleiben übrigens jene Corona-geschädigten Gesellschafter, darunter Harald Hepperle, nunmehr Geschäftsführer von Bellybutton, die die Geschäfte in den letzten Jahren entscheidend verantwortet haben. Akteure, Marken, Geschäfte und Geschäftsmodelle bleiben also mehr oder weniger zusammen.

Einer wird in der Pressemeldung von Anchor Rechtsanwälte allerdings nicht erwähnt. Kemal Bender, der Hauptgesellschafter der alten Kanz Financial Holding. Dennoch darf erwartet werden, dass auch er weiterhin maßgeblich hinter allem steht. So ist er ebenso als Geschäftsführer bei der Bellybutton International eingetragen, wie er im März 2016 Geschäftsführer der Fab geworden ist. Im Februar 2018 wurde zudem Gabor Holzmeister zum Geschäftsführer berufen, der davor lange Logistikleiter bei Joseph Kanz und dann Head Of Logistics bei der Kids Fashion Group war.

Mit dem Kauf von Unternehmensteilen und Marken durch die Bellybutton und Fab kaufen sich die alten Akteure also auch erneut Handelnde – selbst. Zurückbleiben: ein Haufen unbezahlter Rechnungen und viel verbrannte Erde.

Nun will man also neu durchstarten und sich dazu möglichst schnell von alten Dingen trennen. Das erfolgt als erstes durch ein in der Modebranche wohlbekanntes Instrumentarium: durch massive Abschriften. In den S&D-Fachgeschäften für Baby- und Kindermode sowie jenen für Spielwaren findet bereits ein Räumungsverkauf der – von den zurückbleibenden Gläubigern bezahlten – Bestände statt. Ziel sei es, so heißt es, in den nächsten Wochen die Warensortimente wie zum Beispiel die Frühjahrs- und Sommerkollektionen mit Preisnachlässen zu veräußern. Damit könne, so heißt es, „Altgeschäft abgewickelt werden“.

„Ab September starten wir dann komplett neu. Wir wollen unsere Kunden mit einem neuen, ausgesucht schönen Warensortiment und individuellem Service begeistern. Dazu werden die Spielwarenfachgeschäfte, allen voran in Stuttgart und Tübingen, umgebaut und mit einem modernen Ladenbaukonzept eröffnet“, sagt Harald Hepperle, Geschäftsführer von Bellybutton.

Von einem ist übrigens in der Gemengelage keine Rede mehr: der Kids-Lizenz von Esprit. Die liegt allerdings bei der Junior Brands Group, für die noch keine Insolvenz angemeldet wurde.